Wir sind für immer untröstlich, aber nicht trostlos - Stephanie Martins
Weiterleben nach dem Tod des Kindes
10.09.2026 46 min
Zusammenfassung & Show Notes
Wie lebt man weiter, wenn das eigene Kind plötzlich stirbt? Stephanie Martins erzählt vom Tod ihres 14-jährigen Sohnes Henry, von der Entscheidung für eine Organspende und von ihrem Leben mit der Trauer. Sie spricht darüber, was ihr Halt gibt, welche Bedeutung Bewegung für sie bekommen hat und wie sich ein Leben verändert, wenn ein Kind fehlt.
Wie geht ein Leben weiter, wenn das eigene Kind plötzlich stirbt?
Stephanie Martins ist die Mutter von Henry. Henry war 14 Jahre alt, als er plötzlich schwer erkrankte und innerhalb kurzer Zeit starb. In dieser Folge erzählt Steffi von den Tagen im Krankenhaus, vom Hoffen und Bangen und von Entscheidungen, die Eltern niemals treffen wollen.
Die Entscheidung für eine Organspende
Nach Henrys Tod entschieden sich seine Eltern dafür, seine Organe zur Spende freizugeben. Vier Menschen leben heute mit seinen Organen.
Steffi erzählt, wie sie diese Entscheidung erlebt hat und welche Bedeutung das Wissen um die Organempfänger für sie heute hat. Wir sprechen auch darüber, was es heißt, in einer Ausnahmesituation Entscheidungen treffen zu müssen, während gleichzeitig kaum zu begreifen ist, was gerade geschieht.
Trauer nach dem Tod eines Kindes
Der Tod eines Kindes verändert das Leben einer Familie grundlegend. Steffi spricht offen darüber, wie sie ihre Trauer erlebt, was sich in ihrem Alltag verändert hat und was ihr hilft, mit Henry verbunden zu bleiben.
Dabei geht es auch um Menschen, die in diesen schweren Tagen an ihrer Seite waren, um Abschied, Glauben und die Frage, wo Trost überhaupt zu finden ist, wenn das Geschehene nicht zu ändern ist.
Bewegung als Teil ihres Trauerweges
Für Steffi ist Bewegung zu einem wichtigen Teil ihres Lebens mit der Trauer geworden. Laufen, lange Wege und der Jakobsweg schaffen Raum für Gedanken, Erinnerungen und Begegnungen.
Aus dieser Erfahrung ist auch Engagement entstanden: Gemeinsam mit anderen setzt sich die Familie dafür ein, trauernde Eltern und Kinder zu unterstützen.
In unserem Gespräch geht es unter anderem um:
– den plötzlichen Tod eines Kindes
– Abschied im Krankenhaus
– Organspende nach dem Tod
– Trauer verwaister Eltern
– Familie und Freundschaften in einer Ausnahmesituation
– Glaube und Trost
– Bewegung und Laufen in der Trauer
– den Jakobsweg
– Verbundenheit mit einem verstorbenen Kind
– Abschied im Krankenhaus
– Organspende nach dem Tod
– Trauer verwaister Eltern
– Familie und Freundschaften in einer Ausnahmesituation
– Glaube und Trost
– Bewegung und Laufen in der Trauer
– den Jakobsweg
– Verbundenheit mit einem verstorbenen Kind
„Wir sind für immer untröstlich, aber nicht trostlos.“
Dieser Satz beschreibt etwas, das in unserem Gespräch immer wieder spürbar wird: Henry fehlt. Und gleichzeitig gibt es Menschen, Bewegung, Glauben und Erinnerungen, die Steffi auf ihrem weiteren Weg begleiten.
- Verein Trauernde Eltern und Kinder in Mainz: https://eltern-kinder-trauer.de
- Deutsche Stiftung Organtransplantation: https://dso.de
- Instagram Familie Martins: https://www.instagram.com/henrycaminofrances_spendenlauf
- Klopftechniken: https://www.dr-michael-bohne.de/was-ist-pep.html
Mehr über mich und „Vom Gehen und Bleiben“
Ich bin Simone Radzuweit, Trauerbegleiterin, Heilpraktikerin für Psychotherapie und Palliative-Care-Fachkraft. In meiner Praxis in Wiesbaden begleite ich Menschen in Trauer, Krisen und Lebensübergängen und biete Gespräche zu Advance Care Planning (ACP) an.
Transkript
"Vom Gehen und Bleiben": der Podcast über Verluste und Menschen, die mit ihnen weiterleben. Ich bin Simone.
Heute spreche ich mit Steffi Martins.
Sie ist Mutter von Henry, der mit 14 Jahren ganz plötzlich verstorben ist.
Sie erzählt mutig von ihrem Erleben, von großen Entscheidungen, die sie treffen musste, und
wie wichtig ihr Bewegung in ihrem Trauerprozess geworden ist.
Ja. Herzlich willkommen, Steffi, in meinem Podcast.
Ich freue mich sehr, dass du heute da bist.
Wir kennen uns ja aus einem anderen Kontext, als hier im Tonstudio zu sitzen und Podcasts aufzunehmen.
Ich darf dich und deinen Mann jetzt schon lange begleiten in eurem Trauerprozess.
Und ja, du hast dich bereit erklärt, ein bisschen von euch zu erzählen, von deinen Erfahrungen,
von dem, wie du es geschafft hast, heute hier zu sitzen und mit mir zu sprechen.
Und das freut mich total.
Und wie bist du gerade hier?
Ja. Ich bin ein bisschen aufgeregt, aber ich freue mich auch total.
Und ich fühle mich geehrt, dass ich hier sprechen darf.
Ja, mir bedeutet das auch ganz viel, weil ich mir erhoffe, dass das vielleicht für die Menschen,
die das sich anhören, auch hilfreich sein wird, das, was sie hier hören.
Und gleichzeitig denke ich natürlich auch an unseren Sohn, an den Henry.
Ich glaube, immer wenn man über ihn spricht oder wenn sein Name fällt, dann wird an ihn gedacht.
Das ist auch so eine Art von einem Denkmal setzen.
Und ich kann ihn ja jetzt nicht mehr umsorgen, wie ich es all die Jahre getan habe.
Aber ich kann ja hier mit solchen Dingen auch immer noch so viel für ihn tun und für andere
Menschen, die halt auch so einen Verlust erfahren haben.
Deswegen: Ja, ich bin nervös, aber auch freudig aufgeregt.
Ja, und in dieser Form ist Henry irgendwie jetzt auch hier.
Genau.
Ja. Und wer ist Henry?
Erzähl mir mal von Henry.
Der Henry war schon immer so ein recht ruhiger Junge gewesen, hat immer sehr gerne Dinge beobachtet.
Und wenn er sich dann sicher gefühlt hat, dann hat er das auch gemacht.
Der hat auch viel über Dinge nachgedacht.
Und wenn er sich dann für etwas entschieden hat, dann hat er das auch durchgezogen.
Und dann hatte ich auch keine Chance.
Dann hat er das durchgezogen, egal, was ich dazu gesagt habe.
Der hat mich dann dazu gekriegt.
Der Henry hat auch Tiere über alles geliebt.
Der wollte dann einen Hasen, dann wollte er Hühner, dann wollte er einen Hund.
Und ja, natürlich haben wir ihn da drin unterstützt.
Meine jüngere Schwester hat auch ganz viel ihn dabei begleitet.
Und meine Schwester hat irgendwann mal gesagt: "Der Henry hat da so eine Leichtigkeit reingebracht."
Da habe ich mich getraut, meinen Traum von so einem kleinen Mini-Bauernhof umzusetzen, einfach
weil der Henry an meiner Seite war, obwohl er da ja noch so klein war.
Und wenn er mit den Tieren zusammen war, dann war er halt auch immer sehr in sich ruhend.
Dann war er so, ja, ganz bei sich.
Diese Ruhe hat er ausgestrahlt.
Der konnte natürlich auch anders.
Der konnte auch mit seinen Freunden ganz wild Fußball spielen.
Und der hat auch Quatsch gemacht.
Aber durch seine Diabetes, die er mit fünfeinhalb bekommen hat, was für uns alle auch nicht
leicht war, dadurch hatte er auch oft diese Ernsthaftigkeit, weil vieles halt eben nicht selbstverständlich war.
Für ihn war es ein Highlight, dann endlich mal wieder einen Döner zu essen, weil er wusste,
wie er es abwiegt, was er da in die Pumpe eingeben muss.
Also ich glaube, von ihm habe ich das auch so gelernt, so die Dankbarkeit für die Kleinigkeiten im Leben. Ja. Und das Nicht-Aufgeben.
Und das heißt, ihr habt im Grunde schon früh gelernt, auch mit einer besonderen Situation zu leben.
Ja.
Weil es ja schon auch Einschränkungen im Alltag waren.
Ja. Mittlerweile hat sich das sehr gut weiterentwickelt.
Mittlerweile gibt es Pumpen, die ganz viel übernehmen.
Aber damals haben wir angefangen, da mussten wir ständig Blutzucker messen.
Da musste ich selbst noch die Pumpe regulieren.
Er musste das alles mitmachen.
Und wenn er zu niedrig war, durfte er halt eben keinen Sport machen.
Er konnte nicht alles einfach mal so essen zu dem Zeitpunkt, wo er es wollte.
Da musste er schon sehr früh lernen, auf sich aufzupassen.
Und er hat, was das angeht, sehr früh schon Verantwortung übernommen: "Okay, wenn ich das jetzt
so und so mache, dann kann das nicht gut enden für meinen Körper." Also wir sind da sehr zusammengewachsen,
der Henry, der Kallitsch und ich.
Wir waren so ein sehr gutes Team.
Und wenn jetzt die Diabetes nicht gewesen wäre, dann.
Also rückblickend hat das uns ganz viel gemeinsame Zeit geschenkt.
Ihr habt ja auch mal mit einer Zeitung gesprochen.
Da habe ich gelesen in einem Artikel, dass ihr Henry auch als sehr selbstständig beschrieben habt.
Ja. Also gegen Ende war er so weit, dass er gesagt hat: "Mama, ich bin jetzt schon groß, ich kann das schon.
Vertrau mir mal." Diese Selbstständigkeit, die war ihm extrem wichtig, weil er halt viele Jahre
durch die Diabetes doch immer auf die Hilfe angewiesen war und er sich da mehr und mehr rausgekämpft hat.
Und dieser gewonnene Schatz der Selbstständigkeit, die er zum Schluss erfahren konnte, so das
letzte Jahr, das hat ihm unheimlich viel bedeutet.
Und da war er auch so ganz klar: "Wenn ich das jetzt für mich entscheide, dann ist das so, und
dann übernehme ich dafür die Verantwortung, und da könnt ihr mir vertrauen." Das ist mir natürlich
erst mal sehr schwer gefallen, weil ich das ja gewohnt war, mich Tag und Nacht um ihn zu kümmern.
Nachts mehrfach aufzustehen, ist der Zucker in Ordnung.
Aber da war er sehr zuversichtlich.
Und das war tatsächlich auch noch ein paar Tage, bevor er dann umgekippt ist, hat sich das alles
richtig gut angefühlt, so: "Ja, jetzt zieht die Leichtigkeit in unser Leben wieder ein, nachdem es so schwer war."
Ja. Und jetzt hast du schon gesagt, und dann war von einem Tag auf den anderen alles anders.
Ja.
Dann war alles anders. Der hatte so Kopfschmerzen.
Der war eigentlich so ziemlich hart im Nehmen, auch durch die Diabetes.
Und da habe ich gedacht: "Nee, da stimmt was nicht." Der hat so starke Kopfschmerzen, hat sich
mehrfach übergeben und hat dann noch den Kumpels abgesagt, weil an dem Abend wollte er auf seine erste Party gehen.
Da war so ein Fastnachtsumzug bei uns direkt vor der Tür und wollte eigentlich gerade gucken,
was ziehe ich an, wie style ich meine Haare und die neuen Schuhe, die er erst zwei, drei Tage
vorher bekommen hatte, die ziehe ich an.
Und ich war Tage davor eher damit beschäftigt: "Ui, jetzt geht er das erste Mal nachts alleine
raus, und hoffentlich trinkt er nicht zu viel." Das ist ja immer so eine Sache mit Diabetes.
Dann hat er mit den Jungs telefoniert und hat gesagt: "Hier, ich kann nicht mehr, mir ist so
übel." Und die Jungs waren traurig, die wollten bei uns schlafen.
Und dann legt er auf, und in dem Moment fällt er so auf meine Schulter und sagt: "Mama, ich
kann nicht mehr." Und da wusste ich so: "Jetzt ist wirklich
das, wo ich seitdem er geboren wurde, immer wieder die Ängste hatte, dass ich ihn verliere."
Ich weiß nicht, das war wirklich immer unbewusst in mir drin: "Ich habe den nicht für immer
am End." Ich weiß nicht, ob das so eine Vorahnung ist.
Das hört sich jetzt so komisch an, aber da habe ich gedacht: "So, jetzt ist es so weit." Und
dann habe ich gesagt: "Nee, jetzt rufe ich einen Krankenwagen." Nee, also ich hatte wirklich
Todesangst um den, und ich glaube, er hatte das auch.
Wir waren immer so verbunden.
Ich konnte eigentlich immer gut sagen, was er gerade fühlt.
Und dann sind wir in Nymburk angekommen, und da wurde er untersucht, bis er dann halt während der Untersuchung zusammengebrochen ist.
Und dann sind alle gerannt.
Ich bin rausgerannt, und ja, da bin ich tatsächlich dann auch zusammengebrochen, weil ich wusste,
das geht nicht gut aus.
Mein Mann war da total stark.
Der hat da wirklich um ihn gekämpft, und der Henry hat sich zurückgekämpft.
Dann haben sie ihn im Schockraum behandelt, und bevor er dann mit dem Hubschrauber weg ist,
haben sie uns gesagt: "So, jetzt kommen Sie bitte noch mal zu Ihrem Kind.
Verabschieden Sie sich, weil wir wissen nicht, ob er den Flug schafft nach Mainz." Und die Ärztin,
die junge Ärztin, die den vorher untersucht hatte und auch voll am Heulen war, und die Krankenschwester,
die haben mich dann genommen und haben gesagt: "Und jetzt noch mal tief durchatmen und jetzt
noch mal alle Kräfte bündeln. Das schaffen Sie." Ja.
Und dann sind wir zum Henry, der.
Und dann haben wir uns verabschiedet von ihm.
So schnell kommt das Gehirn nicht hinterher.
Das geht gar nicht.
Das geht nicht. Also wir haben uns einerseits verabschiedet und andererseits war es ganz klar,
dass wir ihm hinterherfahren und dass das klappt.
Ja. Und dann sind wir nach Mainz gefahren worden mit einem Taxi und haben da gewartet, bis uns
dann ein Arzt sehr freundlich und sachlich erklärt hat, was da jetzt vorgefallen ist, dass das
Aneurysma geplatzt ist, dass aber auch starke Blutungen im Gehirn sind und dass jetzt erst mal
da was gesetzt wurde, so eine Drainage, damit das Hirnwasser rauskommt und dass er jetzt aktuell stabil ist.
Ich kann gar nicht sagen, wie oft wir dieses Wort gehört haben während der drei Wochen oder
zum Schluss leider halt nicht mehr, während der anderthalb Wochen. Aktuell ist er stabil.
Und das war dann so ein Aufatmen.
Dann kamen circa, also das war alles dann schon 12, 1 Uhr in der Nacht.
Und dann kamen aber um halb zwei tatsächlich noch zwei ganz enge Freundinnen angerast aus dem
Westerwald, die Claudia und die Dani, und die haben uns dann unterstützt.
Wir haben alle gar nicht viel miteinander geredet.
Wir haben einfach das ausgehalten zusammen.
Sie waren da.
Die waren da und haben das mit uns ausgehalten.
Und so ging das dann halt auch in der ganzen Zeit, wo wir in Mainz waren, dass sich unsere engsten Freunde zusammengetan haben.
Die haben extra eine Gruppe gemacht und haben dann gesagt: "Und ihr seid an dem Tag da, ihr
seid an dem Tag da und ihr seid an dem Tag da, damit Steffi und Kallitsch niemals alleine sind."
Und das war wirklich für uns unsere Rettung.
Das ist ein Privileg, und es ist mir ganz klar, dass das in so einer schlimmen Situation leider
auch nicht jeder hat, so ein Netzwerk.
Für uns war das aber überlebenswichtig.
Und die haben dann nicht groß irgendwas Schlaues gesagt, sondern die haben es mit uns ausgehalten
und haben uns mit Essen und Trinken versorgt.
Ja. Und jetzt war es ja im Laufe dieser drei Wochen so, dass sich dann irgendwann die Frage
gestellt hat: "Wie weit soll die Medizin hier noch gehen?"
Ja. Es kam halt dann leider an dem einen Abend, war es dann so, dass da auf einmal Komplikationen aufgetreten sind.
Und wir sind in diesem Ronald McDonald's Haus untergebracht gewesen, mein Mann und ich, direkt nebendran.
Und die haben uns aber dann schlafen geschickt und haben gesagt: "Sie können jetzt sowieso nichts
tun, wir müssen da noch diverse Untersuchungen machen.
Die gehen bis spät in die Nacht.
Legen Sie sich hin." Und ja, wie will man dann schlafen?
Weil wir dachten ja zuerst, er schafft es.
Der hat nach der OP, die war geglückt, der Stent war gesetzt.
Wir wurden gerufen, er ist aufgewacht, er konnte kommunizieren.
Also wir haben ja gedacht, das ist jetzt unser Wunder.
Das Wunder ist geschehen, er hat es überlebt.
Und dann kamen die Komplikationen, und dann sind wir am nächsten Tag informiert worden, dass
mehrere Gehirninfarkte waren, dass das gar nicht gut aussieht.
Und dann stellte sich heraus, dass es keine Hoffnung mehr gibt, also dass er sterben wird.
Ja, das ist halt so ein Moment, wo man dann, den kann man nicht beschreiben.
Das ist so, da fällt man so in sich zusammen.
Ja. Da gibt es im Grunde auch keine Worte für.
Nee.
Die Worte kommen an Grenzen.
Ja. Mir war das dann halt wichtig.
Ich habe dann halt einen Pfarrer, der uns all die Jahre begleitet hat, auch schon uns sehr eng
begleitet hat bei dem Tod unserer Eltern, die ja zwei Jahre vorher gestorben sind.
Den wollte ich gerne einfach da haben.
Und der hat sich dann mit meiner älteren Schwester ins Auto gesetzt und ist da eine Stunde am
späten Abend zu uns gedüst und hat ihn gesegnet.
Mein Mann war im ersten Moment, kam ganz, ganz viel Wut und ganz viel Wut auf die Kirche, auf
Gott, auf alles und hat quasi dann gesagt: "Das gibt es alles gar nicht mehr." Und in dem Moment
habe ich halt gemerkt: "Nee, ich entscheide mich jetzt ganz bewusst dafür, dass ich daran glaube.
Weil wenn ich jetzt nicht daran glaube, dann verliere ich den Henry ein zweites Mal.
Das Einzige, was ich jetzt tun kann, ist, daran zu glauben, dass ich ihn wiedersehe."
Ja. Das war tatsächlich in dem Moment einfach eine Entscheidung getroffen und das nicht mehr hinterfragt.
Dann kam irgendwann, wurden wir in ein anderes Zimmer gebeten und eine ganz enge Freundin, die
uns auch extrem begleitet hat während des ganzen Prozesses, die Sanni, die auch Neurologin ist,
die haben wir uns dann mitgenommen in das Gespräch, weil dann wurde uns eine ganz krasse Frage
gestellt, ob wir uns vorstellen könnten, die Organe zu spenden von unserem Kind.
Und mit der Sanni hatte ich jetzt hier die Woche noch mal gesprochen, und die sagte: "Ja, Steffi,
du hast das so gesagt.
Du hast sofort gesagt: 'Natürlich machen wir das.'" Also unser Kind ist gestorben quasi, und
gleichzeitig können wir mit den Organen anderen Menschen das Leben schenken.
Wir können auch das Leid, was wir jetzt ertragen müssen, das Leid von dem familiären Umfeld,
das Leid der Eltern, das können wir dadurch denen wegnehmen, weil wir ja dadurch das Leben schenken.
Hattest du eine Ahnung, wie Henry selber darüber gedacht hat?
Das ist ja jetzt kein Thema, worüber man spricht, also in dem Alter zumindest nicht.
Und ich denke, sehr viele Menschen sprechen auch so nicht darüber.
Ich glaube, wenn ich jetzt mit dem Henry reden würde, beziehungsweise ich rede ja oft mit ihm,
ich spüre, dass es genau das Richtige war.
Er hat ja selber auch viel Leid erfahren durch die Diabetes.
Das war für ihn ja auch anfangs eine sehr schwere Zeit.
Und ich glaube, er weiß jetzt, dass er dadurch das Leben für andere halt auch wieder lebenswert gemacht hat.
Deswegen glaube ich, dass er da stolz auf uns ist und auch auf sich selbst. Ja.
Ich habe ja in der letzten Folge mit dem Boris Knopf gesprochen über Patientenverfügung, und
er hat dir genau zu der Thematik eine Frage gestellt.
Die spiele ich dir mal vor.
Ja, Steffi, ich habe gerade gehört, dass du jetzt in der nächsten Podcastfolge hier bist, um
darüber zu berichten, wie die Lebenssituation für dich gewesen ist, als ihr euch entschieden
habt, dass Henry als Organspender infrage kommt mit 14 Jahren.
Und wenn ich dir eine Frage stellen dürfte, und es fällt mir sehr, sehr schwer, eine Frage zu
stellen, dann wäre für mich ein Stück weit die Frage, ob du das Gefühl hast, dass das Trauern,
das Abschiednehmen, ein Stück weit durch diese Organspende anders ist, als du vielleicht Trauern
und Abschiednehmen bisher in deinem Leben erlebt hast.
Ich finde es erst mal toll, dass du da bist, und ja, wünsche dir erst mal weiterhin viel Kraft.
Das ist eine sehr, sehr spannende Frage.
Das Abschiednehmen ist gewiss anders.
Wir haben unsere Eltern beim Sterben begleitet, von daher kann ich das so ganz gut, glaube ich, beantworten.
Das Abschiednehmen ist insofern anders, dass du ja auch eine bewusste Entscheidung triffst,
was passiert denn dann mit den Organen.
Und dadurch, dass wir ja dann die bewusste Entscheidung getroffen haben, dass wir das machen
wollen, kam ja dann die Zeit, wo die Organe geschützt wurden.
Das heißt, man entscheidet ja nicht: "Ich mache das jetzt und übermorgen oder am nächsten Tag
ist dann alles gelaufen", sondern dann entsteht ja der Prozess, dass die gucken, wer braucht
die Organe und so weiter.
Und dieses Recherchieren dauert ja ein paar Tage.
Irgendeiner von denen sagt: "Sind Sie denn da wirklich bereit zu?" Weil das kann noch mal emotional sehr hart werden.
Und dann kommen ja auch noch, dann kommen ja auch die Tage, wo dann die diversen Ärzte und Neurologen
dann den Gehirntod feststellen müssen, damit das alles auch richtig gemacht wird.
Und wir alle, wir waren ja dann mit mehreren Leuten auch beim Henry drin, wir haben das als
Geschenk empfunden, weil diese Phase, wo dann die Organe geschützt wurden, der Henry war ja da.
Auch wenn die Seele schon aus ihm rausgegangen ist, die ist ja bei uns noch gewesen.
Die Seele ist um uns herum geflattert und sein Körper war da und wir konnten ihn noch mal ansehen,
jeden Millimeter von ihm anschauen, noch mal seine Hände spüren, wie als wenn man versucht,
wirklich alles noch mal ganz intensiv aufzusaugen, wie seine Augen aussahen, seine Wimpern,
seine wunderschönen langen und die ganzen Details.
Wir konnten ihm noch mal alles sagen, was uns auf dem Herzen lag.
Und das war für uns alle eine ganz friedvolle, geschenkte Zeit.
Ich weiß, ich habe auch mit ihm im Bett liegend einen ganz langen Brief geschrieben, der auf der Beerdigung vorgelesen wurde.
Meine Schwester hat da gelegen und hat ein Bild gemalt, was jetzt letzten Endes auch der Grabstein geworden ist.
Meine Freunde und meine Schwestern, wir haben auch ihm vorgelesen, immer noch ganz viel.
Es war eine geschenkte Zeit und die war auch ganz friedlich.
Die haben uns das ganz wunderschön eingerichtet mit Lichterketten und mit Tischdeckchen und
ganz liebevoll haben die uns da begleitet, das ganze Team der Intensivstation.
Manchmal haben sie auch mit uns geweint.
Du hast im Grunde das als ein besonderes Abschiednehmen empfunden, also geschenkte Zeit, um
auch die Zeit zu haben, sich zu verabschieden.
Ja. Dann hat die Seele auch von mir, meine Seele noch ein bisschen Zeit bekommen, um das überhaupt zu begreifen. Ja.
Das, was eigentlich so plötzlich eingetreten ist.
Ja. Und so ging es allen.
Also die sind alle da rein in den Raum gekommen, auch die Ärzte und die Schwestern haben gesagt:
"Oh, wenn wir hier reinkommen, das ist so ein Frieden hier drin." Ja.
Welche Bedeutung hat es für dich, dass jetzt andere Menschen mit Henrys Organen leben?
Das ist jetzt natürlich echt ganz schön emotional.
Ich hatte jetzt hier die Woche mit dem Zuständigen von der DSO telefoniert.
Der wollte mir noch mal sagen, wie es jetzt den Menschen geht, die das bekommen haben.
Als er mir gesagt hat, dass alle vier noch leben, da musste ich voll anfangen zu heulen.
Das bewegt mich jetzt auch immer noch total.
Ich kann das gar nicht beschreiben.
Ich habe mir da wirklich große Sorgen gemacht, ob der eine oder andere es vielleicht doch nicht geschafft hat.
Und ich habe wirklich so vor Freude geweint und natürlich auch aus tiefster Traurigkeit.
Das ist auch wieder so ein Gefühl, das kann man nicht gut in Worte fassen.
Hat ja auch wieder viel von diesem Sowohl als auch.
Ja. Und die Trauer, die ändert sich, glaube ich, nicht durch die Organspende.
Die Trauer ist die gleiche.
Ich muss durch dieselben Höhen und Tiefen durch wie alle anderen Trauernden auch.
Da ist die Trauer ganz individuell, würde ich jetzt mal so sagen.
Und dann irgendwann kam ja aber der Tag, wo dann diese Zeit des Abschiednehmens auch vorbei war.
Gab es da irgendeine Form von Vorbereitung oder war es dann eines Morgens einfach, also wusstet
ihr, wann ist die Zeit jetzt hier zu Ende?
Ja. Genau. Dann wurde uns gesagt: "Okay, an dem Tag geht es jetzt los, da wird er nachts operiert."
Dann war natürlich da dieser letzte Tag mit ihm noch mal ganz, ganz intensiv.
Ich bin aber in der Nacht, also ich war mit einer Freundin in der Nacht, wo die Drainage gezogen
wurde, wo dann meiner Meinung nach die Seele aus ihm raus ist.
In der Nacht habe ich beim Henry geschlafen und habe ihm quasi beim Sterben, bin ich nicht ihm von der Seite gewischen.
Aber jetzt in der Nacht, wo er operiert wurde, da bin ich mit meinem Mann ins Ronald McDonald's
Haus und da haben wir aber die enge Freundin, die Sanni, darum gebeten, dass sie beim Henry bleibt.
Und das hat sie auch gemacht.
Die hat in der Klinik geschlafen und kannte ja mittlerweile auch ganz gut die anderen Ärzte
und hat ihn dann auch gewaschen und angezogen.
Also das hat unsere liebe Freundin Sanni tatsächlich übernommen.
Da waren wir ihr sehr dankbar, weil das hat uns viel bedeutet.
Am nächsten Tag durften wir dann kommen und die Sanni war ja schon früh morgens da, ihn am Anziehen und so.
Wir sind dann alle gekommen und dann lag er da.
Und da waren dann keine Schläuche mehr und dann ging der Brustkorb nicht mehr hoch und runter.
Dann war er wirklich tot.
Das war noch mal ein ganz harter Moment, wirklich ihn zu berühren und zu spüren.
Die Seele ist jetzt wirklich aus seinem Körper.
Die Seele ist noch bei mir, das spüre ich.
Der ist noch bei mir, aber die ist nicht mehr in seinem Körper. Nee.
Wir haben uns auch entschieden, weil der wurde ja dann auch irgendwann abgeholt und wurde dann
da hingebracht, also in Westerwald, wo er dann verbrannt wurde.
Da hätten wir ihn auch noch mal uns anschauen dürfen.
Da haben wir uns aber dagegen entschieden, weil die haben das so liebevoll, diesen Abschiedsmoment gestaltet in der Klinik.
Und da haben wir gesagt: "Nee, das ist das jetzt." Und die Seele ist aus seinem Körper raus.
Wir haben ihm seine Lieblingssachen angezogen, noch seinen Lieblingsfußballschal von meinem
Mann, den hat er ihm da gelassen.
Und da wusste ich aber auch, das ist jetzt nicht mehr das Entscheidende, weil das Entscheidende,
die Seele ist ja mit uns.
Da hat mir wieder mein Glaube zuteilgeholfen.
Das war dann nicht für mich aus und vorbei, sondern ja, das ist jetzt der Abschied von dem Körper,
aber nur von dem Körper.
Viel schlimmer war es dann, nach Hause zu kommen und das leere Haus das erste Mal zu sehen. Das war viel schlimmer.
Und an seinem Zimmer vorbei.
Also ich bin die ersten Wochen nicht in das obere Stockwerk, wo sein Zimmer ist.
Ich habe die ersten Wochen nur unten auf der Couch geschlafen, weil ich das nicht ertragen konnte,
an seinem Zimmer vorbeizugehen, was ja jetzt leer ist, wo keine Stimmen mehr rauskommen, kein Gepolter. Ja.
Ja, und wo ja auch erst mal keine konkrete Aufgabe da ist.
So in der Klinik konntet ihr noch irgendwie was machen und das hat noch irgendwie Sinn gemacht.
Und zu Hause ist dann die große Leere.
Genau. Stimmt. Gut, dass du das sagst. Genau so war es.
Wir konnten nichts mehr tun.
Man hat das Gefühl, und jetzt, ich kann in dem Zustand nicht arbeiten.
Ich kann hier überhaupt nichts tun, gar nichts.
Und ich kann für ihn nichts mehr tun, für niemanden mehr was.
Ich kann nichts mehr tun.
Ja, und dann, nachdem dann die Beerdigung, das war uns dann noch mal sehr, sehr wichtig.
Die haben wir sehr liebevoll gestaltet, weil ich ja auch als Pädagogin auch in der Schulsozialarbeit arbeite.
Ich wusste, da kommen ganz viele junge Menschen.
Es war mir ganz, ganz wichtig, dass die Beerdigung sehr, sehr liebevoll gestaltet wird und halt
den Kindern keine Angst macht, sondern eher hoffnungsvoll ist.
Die war dann auch sehr, sehr liebevoll und hoffnungsvoll, denke ich. Sehr berührend.
Als das dann hinter uns lag, war dann diese Stille.
Und die konnten mein Mann und ich wirklich nicht gut ertragen.
Und auch die Freunde, die uns die ganze Zeit begleitet haben, die haben uns da auch noch begleitet
und sind immer wieder gekommen und haben uns so gut es geht unterstützt. Bis heute noch tatsächlich.
Und eines Abends saßen wir zusammen und eine Freundin meinte: "Sag mal, ihr wolltet doch schon
immer den Jakobsweg gehen." Und ich so: "Ja, und?" "Ja, das könnt ihr doch jetzt in Angriff
nehmen." Ja, und dann war halt die Idee geboren, den Jakobsweg zu gehen.
Und der Jakobsweg ist ein entscheidendes Element, warum du heute hier sitzen kannst und es auch von dir erzählen kannst.
Natürlich mit Tränen in den Augen und trotzdem kannst du es überhaupt aussprechen, weil ihr
einen Weg für euch gefunden habt.
Ja. Es ist einfach, man kann das so schwer beschreiben, wenn so was passiert ist.
Man ist so erstarrt und wie ich ja eben meinte, diese Stille und diese, man ist erstarrt und
weiß nicht, wohin mit sich.
Und trotzdem hat man ja innerlich diesen Druck.
Man ist ja innerlich gleichzeitig am Erschlaffen, aber auch am Explodieren.
Man kann das alles nicht fassen.
Dann haben wir uns halt entschieden, Jakobswege zu gehen.
Und durch das Laufen habe ich so den Eindruck, konnte man diese wahnsinnige körperliche Anspannung,
die konnte man ablaufen, weglaufen.
Und ich glaube, am Anfang war es tatsächlich auch ein Weglaufen.
Am Anfang sind wir wirklich sehr, sehr, sehr schnell gelaufen, sodass man hinterher auch wirklich
crocky war und nass geschwitzt.
Aber wir hatten beide das Bedürfnis, wir müssen fast schon rennen.
Und je mehr man dann gelaufen ist, desto mehr kam dann halt auch so die Ruhe in den Körper rein.
Und je mehr Ruhe in den Körper reingekommen ist, desto mehr konnte man erst mal wieder so seine
Gefühle wahrnehmen beziehungsweise auch die Gedanken, die man dazu hat, sortieren.
Weil vorher kann man das ja gar nicht.
Vorher ist der Körper so am Durchdrehen, dass man nicht wirklich klare Gedanken fassen kann,
zumindest mal für den Moment, aber nicht dauerhaft.
Also entweder legt man sich dann vor den Fernseher und guckt eine Serie nach der anderen und
fühlt sich hinterher körperlich schlecht und mental total ausgebrannt.
Oder man tut was und man bewegt sich. Das haben wir getan.
Ja, und das konnten wir ja auch tatsächlich hier umsetzen.
Also das heißt, unsere Begleitungen finden auch immer im Gehen statt.
Da seid ihr sehr konsequent.
Bei Wind und Wetter gehen wir.
Und es tut euch einfach gut, nicht zu sitzen, sich nicht irgendwie gegenüber zu sitzen, sondern
im Gehen die Gedanken zu ordnen, sich zu sortieren.
Und ja, und ihr habt ja auch schon etliche Kilometer jetzt hinter euch gebracht.
Ja. Wenn man halt sich entscheidet, solche Wege zu gehen, dann ist es so, dass man ja mit sich
selbst ganz viel auch alleine ist.
Das heißt, man ist nicht abgelenkt durch irgendwie Handy oder Fernsehen.
Man ist auch nicht abgelenkt von irgendwelchen Besuchen, sondern man entscheidet sich ja auch
ein Stück weit, das mit sich selber jetzt mal zu bearbeiten.
Das ist dann natürlich auch zwischendurch anstrengend, aber komischerweise, weil man beschäftigt
sich ja auch irgendwie zu Hause damit.
Nur da ist es erdrückend.
Wenn man aber auf dem Weg ist, dann ist das eher befreiend.
Dann kommen tiefe Gefühle hoch, auch tiefe Gefühle der Trauer, der Verzweiflung, der Angst.
Aber durchs Laufen fließen die dann aus einem raus und man fühlt sich hinterher erleichtert.
Und die erdrücken einen nicht, als wenn man jetzt zu Hause auf der Couch sitzt, wo man dann fast keine Luft kriegt.
Und was natürlich auch wunderschön ist, dass man halt ganz, ganz tolle Begegnungen hat.
Davon lebt ja ein Stück weit der Jakobsweg auch, von den Begegnungen vor Ort.
Total. Wir haben jetzt mittlerweile so viele Pilgerfreundschaften, wo wir auch immer wieder Kontakt haben mit.
Das Schöne ist, dass du einerseits nicht viele Worte finden musst mit denen, weil die dich auch
ohne Worte halt verstehen, weil viele von denen auch mit Verlust Erfahrung haben.
Und andererseits hast du aber auch Lust, dich mit denen zu unterhalten und auch dich befruchten
zu lassen von denen, weil die vielleicht das eine oder andere doch anders machen wie du und
man dann halt einen neuen Blick darauf kriegt.
Das ist so sehr inspirativ, wenn man mit Menschen redet, die vielleicht schon drei, vier Jahre
länger in der Trauer sind und noch mal andere Möglichkeiten gefunden haben, wie es ihnen gut geht.
Und das ist halt sehr gewinnbringend.
Und es beruhigt auch, das zu sehen, wie die da mittlerweile damit umgehen.
Wenn man weiß, okay, das könnte ich auch schaffen, da kann ich auch hinkommen.
Und es ist ja auch ein anderes gemeinsames Lachen miteinander, ein anderes gemeinsames Weinen miteinander.
Sich gegenseitig mitteilen und öffnen findet ja irgendwie auf einer anderen Ebene statt.
Das stimmt. Manchmal, wenn ich jetzt hier in meiner Umgebung mal lache, dann habe ich im Hinterkopf
so: "Denkt der jetzt, ich bin schon drüber weg?
Wie ordnet der jetzt mein Lachen ein?" Und auf dem Jakobsweg, ich weiß eine Situation, da sind
wir zu dritt gepilgert, zwei Freundinnen und ich.
Und die eine Freundin, die musste ganz dringend pinkeln.
Und dann hat sie gesagt: "Ich kann jetzt nicht mehr, ich muss jetzt hier allen Weges ran, das
geht nicht mehr." Und wir zwei haben halt da drüber gelacht und sie selbst musste auch lachen.
Dann gehe ich ein paar Meter weiter und dann fing ich so an zu heulen, weil ich sofort dachte:
"Oh Mann, der Henry hat sich so kaputt jetzt gelacht.
Das ist so sein Humor, der hat sich kaputt gelacht über diese Situationskomik." Und dann kamen
die hinter mir her und haben gemerkt, dass mit mir was nicht stimmt.
Und auf einmal haben sie mich von hinten zu zweit umarmt und dann haben wir alle drei zusammen geweint.
Und dann habe ich noch einen Herzstein gefunden, also einen Stein in Form von einem Herzen, kurz danach.
Und dann meinte die Jess, also die war aus Australien, die meinte dann so: "Ja, Steffi, das
ist der Stein, wo wir zusammen zuerst gelacht und dann geweint und dann wieder gelacht haben."
Ja, und eure letzte Tour war ja auch noch mal eine ganz besondere Tour.
Möchtest du davon noch erzählen?
Ja, das war ja tatsächlich jetzt dann 800 Kilometer. Und die waren
halt sehr spektakulär, weil du erfährst halt sehr, sehr viel über dich selbst.
Weil 800 Kilometer jeden Tag laufen, Schmerzen haben, in Duschen, die aussehen wie vom Krieg,
wo man einfach immer nur denkt: "Hoffentlich berührt der Duschvorhang nicht meinen Hintern." Oder
die ganzen Schnarcher, die neben einem liegen.
Und trotzdem ist es dann so, dass man morgens mit den Hufen scharrt und sagt: "Ich will jetzt
weiter." Es ist einfach so eine Freude.
Und da haben wir halt auch ganz tolle Menschen getroffen.
Da habe ich einen getroffen, der hat so ein bisschen erzählt von seiner Trauer.
Er hatte seinen Bruder verloren.
Und er hat gesagt, irgendwann hätte er sich entschieden, nicht mehr gegen den Schmerz zu kämpfen.
Irgendwann hat er gesagt: "Okay, der gehört jetzt zu mir.
Und das ist okay." Und seitdem bin ich da auch mehr im Frieden mit.
Und das habe ich da, als er das erzählt hat, gar nicht so verstanden, was er damit meinte.
Aber jetzt komme ich so langsam dahinter.
Er meinte halt: "Mein Bruder ist immer bei mir." Es gibt irgendwann den Punkt, wo man spürt,
vielleicht ist die Trauer einfach eine ganz hilfreiche Freundin, die einem immer wieder die
Möglichkeit gibt, mit dem Menschen, den man verloren hat, sich ganz innig zu verbinden.
Und dann ist das so ein Schmerz, der halt auch ganz viel Liebe mitbringt.
Dann ist es nicht mehr dieses gegen die Wand Gedrückte und dieses Verzweifelte, sondern dann
ist es eher das schmerzhaft Liebevolle. Ja.
Ja, es war ja noch was Besonderes auf dem Weg.
Jetzt gerade ein bisschen hinterm Berg.
Was meinst du jetzt?
Ich meine, dass ihr ja nicht einfach so gelaufen seid, sondern ihr habt einen Spendenlauf gemacht.
Ach so, ja, natürlich.
Und wolltet wirklich auch ein bisschen von dem auch zurückgeben.
Gut, dass du das sagst.
Sehr interessant, dass das bei dir wirklich gar nicht vorne liegt, sondern wirklich was ganz anderes. Das ist sehr sympathisch.
Ja, der Spendenlauf, natürlich. Ja, das...
Ja, wir sind gelaufen für den Verein der traurigen Eltern in Mainz und konnten damit ein bisschen
Geld sammeln, sodass andere Eltern in unserer Situation diese so wertvolle Unterstützung der Trauerbegleitung bekommen.
Ja.
Das ist wohl wahr. Ja, das stimmt.
Genau. Ja.
Und das hat uns tatsächlich auch viel bedeutet.
Aber jetzt liegt es halt auch wieder schon ein Stückchen weit zurück.
Und jetzt sind wir gedanklich ja schon wieder an anderen Projekten, wo wir halt auch wieder
gucken, für wen können wir jetzt laufen, für wen können wir jetzt Spenden sammeln.
Deswegen liegt das jetzt tatsächlich ein bisschen schon wieder zurück.
Aber wir sind sehr dankbar, dass wir das tun konnten. Ja.
Ja, und ein Stück weit darf Trauer ja auch Trauer bleiben und muss nicht immer zu was Gutem irgendwie gewandelt werden.
Es ist schön, dass ihr diese Punkte gefunden habt für euch.
Und gleichzeitig ist das andere ja auch.
Also es gibt ja noch viel, viel mehr Tage, an denen Trauer Trauer ist. Mit allem, was dazugehört.
Ja, wir sind den Jakobsweg ja auch in erster Linie für uns gelaufen, für unsere Trauer und für den Henry.
Das war einfach noch die sinnvolle Verbindung, die wir da mitnehmen konnten.
Mir ist es wichtig, dass das Thema Trauer und Verlust nicht so totgeschwiegen werden, weil es
geht jeden von uns was an.
Nicht jeder erlebt so was Dramatisches, ja, aber jeder erlebt Verlust.
Verlust bedeutet ja nicht nur Verlust von einem Menschen.
Verlust, das hat ja viele Facetten.
Aber alle sterben wir ja auch.
Das heißt, wenn man ein Kind ist, dann wird irgendwann der Moment kommen, wo man seine Eltern
verliert, wenn die Reihenfolge stimmt.
Oder ein Kind wird wahrscheinlich mit größter Wahrscheinlichkeit erleben, dass er die Großmutter oder den Großvater verliert.
Die Wahrscheinlichkeit, dass wir einem Menschen begegnen, der auch eine Verlusterfahrung gemacht
hat, ist gar nicht so klein.
Nein. Oder dass wir selbst die Verlusterfahrung tun.
Und deswegen ist es mir so wichtig, dass man schon präventiv darüber spricht und besonders auch
Kindern und Jugendlichen da Angebote macht.
Denn das habe ich jetzt halt auch erlebt, dass es Kids gibt, die, wenn die vorher noch nie damit
Kontakt hatten, die haben keine Sprache dafür, die trauen sich nicht.
Meine Mama ist nur stark, die will stark für mich sein.
Die sind aber so sensibel, die spüren ja, dass sie das nur sein will.
Also belaste ich die nicht auch noch mit meinen Gefühlen am Ende?
Oder wenn meine Mama ja so stark ist, dann ist das wohl der richtige Umgang mit Trauer.
Dann zeige ich mal lieber nicht meine Gefühle.
Aber die Gefühle sind ja da, bei dem Erwachsenen und bei dem Kind.
Und dann werden die aber nicht so aufgefangen oder so wie wir jetzt in der Trauerbegleitung
mit dir das erlebt haben.
Die Gefühle, die bleiben irgendwo stecken.
Und das ist auf Dauer, tut das halt einfach gar nicht gut.
Auf Dauer, du weißt ja selbst, ich hatte auch zwischendurch immer wieder mit Angststörungen zu tun, mit Panik.
Wenn ich mir nicht erlaube, dass ich das auslebe, meine Gefühle, dann kommt das.
Das kann ich aus eigener Erfahrung sagen.
Und deswegen ist es mir so wichtig, dass man sich da an die Themen rantraut und in einem geschützten
Rahmen, ganz liebevoll, ohne Angst zu vermitteln, das Thema Trauer und Verlust aufgreift. Das wäre mir wichtig.
Und was würdest du sagen, oder gibt es Dinge, die du konkret nennen kannst, die dir geholfen
haben oder die euch geholfen haben?
Also das Laufen auf jeden Fall kam ja schon raus.
Ja, das Laufen, das darüber reden können, ohne dass der andere das jetzt bewertet.
Der muss mich nicht trösten.
Es ist einfach schon auch hilfreich, wenn ich das aussprechen kann, ohne dass ich die Starke sein muss.
Mein Gegenüber hält es aus.
Das ist eigentlich das Entscheidende.
Und alle möglichen Sachen, die mit dem Körper zu tun haben, die so das Nervensystem beruhigen.
Da bin ich jetzt gerade ganz aktiv dran in der Reha.
Wir waren auch in Reha, da haben wir auch ganz viel kennengelernt.
Ob es jetzt autogenes Training ist oder das Abklopfen von Körperteilen.
Ich habe eine Methode kennengelernt, die heißt, glaube ich, EFT.
Da klopft man bestimmte Punkte und das beruhigt das Nervensystem und verbindet das dann noch
mit was Positivem, mit einem positiven Gedanken.
Da gibt es aber verschiedene, da gibt es auch noch PEP, da gibt es alles Mögliche.
Dann gibt es noch das neurogene Zittern.
Das ist auch eine Körperübung.
Da bringt man die Muskeln ins Zittern, wie Hunde das machen beim Schütteln.
So beruhigt man sich selbst, so beruhigt man das Nervensystem.
Das allerdings auch nur mit Anleitung machen.
Also ganz viele Körpermethoden habe ich kennengelernt.
Und ich glaube, bei dem einen hilft das und bei dem anderen das.
Ich glaube, bei dem einen hilft auch einfach, das alles aufzuschreiben. Stundenlang schreiben, schreiben, schreiben.
Das habe ich auch am Anfang gemacht.
Und bei meinem Mann hilft es, laufen, laufen, laufen.
Ich glaube, das ist sehr, sehr unterschiedlich.
Aber das Schöne ist ja, wenn man ganz vieles kennt, dann kann man ja auch das eine oder andere ausprobieren.
Und wenn man dann das gefunden hat, was einem hilft, dann ist man ja auch wieder handlungsfähig
und dann kann man sich selber beruhigen.
Und das gibt einem Selbstbewusstsein.
Ja, auch eine Selbstwirksamkeit. Ich kann was tun.
Ich kann was tun.
Ja, ich bin nicht 100 Prozent ausgeliefert.
Ich bin zwar in einer Situation, die ich nicht haben wollte und muss diese gestalten und kann
sie aber auch in gewisser Weise gestalten.
Genau.
Das braucht natürlich einen ganz schönen Weg und Zeit und Begleitung.
Das braucht lange Zeit und auch eine sehr gute Begleitung.
Und halt auch, also ich weiß noch, du hast zwischendurch dann immer wieder gesagt: "Ich traue
dir das zu, mach das." Also das ist halt schön, auch von jemandem gesehen zu werden, der in
einem nicht nur den Trauerklopps sieht, sondern halt auch eine Person, die das aber auch noch
schaffen kann, die auch große Träume schaffen kann.
Das finde ich halt auch toll, wenn man da eine Person hat, die einen mit Zuversicht und Freude anschaut.
Du bist nicht deine Trauer.
Genau, ich bin nicht meine Trauer, ich bin kein Opfer.
Ich bin, wenn, dann ein Überlebender und kein Opfer.
Und dann fühle ich mich auch ganz anders.
Dann fühle ich auch eher die Kraft, die Kraft, die jetzt so langsam wieder in mir wächst.
Ja, in meiner nächsten Folge spreche ich ja mit der Mithra Teves.
Sie ist Professorin in Essen für Palliativmedizin.
Und wenn du magst, kannst du ihr eine Frage stellen.
Wie schafft man es, einerseits zu lebensbejahenden Methoden zu motivieren und andererseits die
Akzeptanz des bevorstehenden Sterbens zu vermitteln?
Ja, das gebe ich sehr gerne weiter.
Ja, Steffi, dann danke ich dir erstmal auf jeden Fall für das Gespräch, dass du so offen warst,
deine Erfahrungen zu teilen mit all dem Schmerz und all dem, was dazugehört, aber auch mit deinem Bewältigen.
Ja, es war sehr schön, mit dir zu sprechen.
Vielen, vielen Dank. Es war mir eine Ehre.
Das tut immer gut, mit dir zu reden.
Ich freue mich, wenn ihr die Folge teilt und verbreitet, dass möglichst viele diese Folge hören.
Wenn es euch gut getan hat.
Vielen Dank.