Vom Tod über das Leben lernen
23.01.2026 38 min Simone Radzuweit
Zusammenfassung & Show Notes
Die erste Folge meines Podcasts. Ich sitze im klangBezirk, Tonstudio meiner Wahl und werde von Andreas (meinem Mann) interviewt. Normalerweise wird hier kreativ am Filmsound gearbeitet - heute sprechen wir darüber, wie die Beschäftigung mit dem Tod den Blick auf das Leben verändert. Es geht um die Entwicklung von Haltung, um das Schöne in meinem Beruf als Trauerbegleiterin und wo es Verbindungen zwischen Musik und Trauer gibt.
Meine Website: https://www.radzuweit.de
Mail: simone@radzuweit.de
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Verein für trauernde Eltern & Kinder Rhein-Main e.V.
https://eltern-kinder-trauer.de
Kinderhospiz Bärenherz Wiesbaden
https://www.baerenherz.de/kinderhospiz-wiesbaden/angebote-bereiche
Kinderpalliativteam Mainz
https://mainzer-hospiz.de/kinderpalliativteam-mainz
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Transkript
Vom Gehen und Bleiben.
Der Podcast über Verluste und
Menschen, die mit ihnen weiter leben.
Ich bin Simone.
Herzlich willkommen zu meiner ersten
Podcastfolge, in der ich mich
vorstellen werde.
Ich sitze hier im Klangbezirk.
Das ist das Tonstudio meiner Wahl und
mir gegenüber sitzt Andreas,
der mich heute interviewen wird und der
perfekte Mensch dafür ist,
weil wir uns schon sehr lange kennen
mittlerweile 30 Jahre und er
wird mir Fragen stellen, was normalerweise
meine Aufgabe in diesem
Podcast ist und ich kann mich reinspüren
in diese Position, wie es
ist, auf dieser Seite zu sitzen
und Fragen zu beantworten.
Hallo Andreas.
Hallo Simone.
Ja, also herzlich willkommen
in deinem Podcast.
Danke.
Dein Arbeitsalltag als Trauerbegleiterin
und Heilbräckigerin für
Psychotherapie sieht normalerweise
ja ganz anders aus.
Du bist in deiner Praxis und
begleitest Menschen mit Verlusterfahrung.
Heute bist du aber hier und nimmst
deine erste Folge vom Gehen
und Bleiben auf.
Wie geht es dir damit?
Ich bin ein bisschen aufgeregt.
Ich finde es ganz ungewohnt hier auf
dieser Seite zu sitzen und
auch nicht genau zu wissen, was kommt.
Ich musste mich in viele Themen rund
um das Podcast reinarbeiten.
Das war für mich totales Neuland und
es ist nach wie vor an da ein
oder anderen Stelle und es
macht auch Spaß.
Wie findest du deine Gäste oder
anders gefragt, mit welchen
Menschen möchtest du dich unterhalten?
Was interessiert dich da?
Naja, durch mein Werdegang und durch
meine Arbeit im palliativen
Bereich in der Trauerbegleitung habe
ich inzwischen ein recht
großes Netzwerk und viel mit Menschen
zu tun, die auch in diesem
Bereich arbeiten und natürlich
auch mit Betroffenen.
Diese Menschen lade ich ein, ihre
Geschichte hier zu erzählen.
Der Titel vom Gehen und Bleiben,
was bedeutet der dir?
Mir hat der Titel gefallen, weil er
für mich beides beinhaltet,
nämlich die Menschen, die gehen,
vielleicht auch wirklich deutlich
vor der Zeit gehen.
Es beinhaltet auch so ein bisschen meine
Arbeit von der Begleitung von
sterbenen Menschen.
Ja und dann gibt es ja die Menschen,
die bleiben und zwar zum einen
die trauernden Menschen und zum anderen
die beruflich damit zu tun
haben und auch jeden Tag wieder neu zu
ihrer Arbeit zurückkehren
und weitermachen.
Und im Grunde beide Sichtweisen und
Erfahrungen zu beleuchten
ist mir wichtig.
So ein Podcast macht ihr, wie du gerade
magst, jede Menge Arbeit.
Auch deutlich unerwartet viel.
Allein Interviewpartner finden,
thematische Vorbereitung.
Irgendwann dann das Gespräch führen,
also Aufnahme, Schnitt,
Mischung mit Musik, Upload, Hosting,
Transkripte machen,
Folgenbeschreibung und Kapitel
und und und.
Was ist deine Idee?
Warum machst du diesen Podcast?
Was also was ist dein Ziel?
Was möchtest du damit tun?
Was möchtest du erreichen?
Ja das ist eine gute und wichtige
Frage, die sich jeder Mensch
stellen sollte, der Podcast macht.
Meine Idee dabei ist,
diese Themen aus der Tabu-Ecke zu holen.
In den Trauergesprächen bekomme ich
oft mit, dass das Umfeld einen
ganz entscheidenden Teil dazu beiträgt,
ob Trauernde gut damit
umgehen können mit ihrer Situation
oder nicht.
Oft fehlen Informationen und die
Menschen um Trauernde herum
sind unsicher.
Was sollen wir tun?
Was dürfen wir sagen?
Was dürfen wir nicht sagen?
Da finden auch viele Verletzungen statt
und ich erhoffe mir durch
den Podcast und durch die Gespräche,
dass sich da ja was erweitert
und dass ich was transportieren
kann von dem Erleben von
Trauernden, aber auch von
Menschen, die da
arbeiten und so auch Hemmungen
abgebaut werden.
Und im Grunde diese Themen auch in
unserer Gesellschaft Platz finden.
Also ganz praktisch für mich, was
braucht ein Trauernder Freund
von mir und was braucht er
ganz sicher nicht?
Z.B.
Das könnte eine Frage sein.
Aber es hängt natürlich auch sehr
von meinem Gegenüber ab,
was die Person erzählen möchte und
da bin ich sehr bei der anderen Person.
Ich stelle meine Fragen, aber was da
kommt, ist ja dann nicht in meiner Hand.
Du hast ja für den Podcast
eine tolle Idee.
Jeder Gast stellt im kommenden eine
Frage, immer dem, der dann
als Nächstes kommt.
Was daran ist so reizvoll für dich?
Ich wollte eine Verbindung schaffen
zwischen den Menschen, die hier
sind, auch wenn sie sich nicht kennen.
Und bisher habe ich nur positive
Erfahrungen damit gemacht, weil
eine Neugierde entstanden ist für den
Menschen, der danach kommt
und interviewt wird.
Ja, das war eigentlich der einzige
Gedanke, den ich hatte.
Eine Verbindung zwischen den Folgen
schaffen und natürlich auch
zwischen den Menschen, auch wenn sie
sich nicht kennen und sich
vielleicht dann später die Folge
anhören, um zu hören, was hat
die Person denn auf meine
Frage geantwortet?
Du bist heute palliativcare
Kinderkranken-Schwester,
Trauerbegleiterin, Heilpraktikerin
für Psychotherapie.
Die Schritte, die von der
Kinderkranken-Schwester dahin geführt
haben, sind ja nun nicht wenige.
Kram das alles überraschend oder
gab das Momente für dich in
deinem Werdegang, wo du gesagt hast,
das ist jetzt zwangsläufig,
das ist logischerweise der
nächste Schritt?
Also mein Weg hätte auch ganz
anders sein können.
Ich habe nur gemerkt,
als ich meine erste Stelle als Kinderkranken-Schwester
hatte, war
ich in einem Bereich tätig, wo die
Kinder nur sehr kurz auf der
Station waren und ich hatte gar nicht die
Möglichkeit überhaupt eine
Beziehung aufzubauen.
Es waren dann viel drum herum Arbeit,
eigentlich Pflege war kaum
möglich und da habe ich gemerkt, das
ist nicht das, was ich machen
möchte und das entspricht auch
nicht meinen Stärken.
Ja und so bin ich dann über die ambulante
Kinderkrankenpflege auch
ins Kinderhospiz gekommen und habe da
genau das Gegenteil erfahren,
Zeit zu haben, zu pflegen, Beziehungen
aufzubauen.
Natürlich die auch wieder loslassen
zu müssen, das ging aber
dann, also das war möglich und das war
es wert diese Beziehungen
auch aufzubauen.
Ich habe nicht von Anfang an gewusst,
dass es der palliative
Bereich ist oder wird, indem ich mal
arbeiten werde, genauso wie
ich dann nicht geahnt habe, dass ich
aus der Pflege raus eher in
die Trauerbegleitung gehe und jetzt halt
vollzeit selbstständig in eigener
Praxis arbeite.
Das war schon eine Entwicklung
auf jeden Fall,
die ja jetzt finde ich auch nicht so
ganz fern ist vom palliativen
Bereich in die Trauerbegleitung zu
gehen und ja für mich war es
schlüssig und eine gute Entscheidung.
Du hast in diesen verschiedenen
Weiterentwicklungsschritten ja
immer auch viel gelernt,
die Weiterbildung
zur Trauerbegleiterin gemacht,
Seelsorge etc.
Da musstest du viel lesen und viel
dir auch an Wissen aneignen.
Gibt es etwas, was du da gelernt hast
in der Pflege über das
Leben, was in diesen Büchern
eigentlich nicht steht?
Also obwohl es in Büchern steht, würde
ich mal behaupten, ist
für mich das Hauptding eigentlich
die Haltung und die kann ich
nicht theoretisch lernen, sondern nur
durch Erfahrung und durch die
tägliche Arbeit mir auch ein Stück
weiter erarbeiten.
Ich kann viel Überhaltung lesen,
nur ich kann sie ja nicht
künstlich erzeugen oder das würde
relativ schnell aufliegen und
deswegen ist für mich eigentlich neben
diesen ganzen Ausbildungen,
die ich gemacht habe um Handwerkszeug
zu haben in Bezug auf
Gesprächsführung oder ja andere Dinge,
alles was man rund um die
Themen sterben, Tod und Trauer so theoretisch
lernen kann, ist für
mich das Wichtigste, wie ist meine
innere Haltung den Menschen
gegenüber mit denen ich arbeite, also
der trauernden Person oder
im Kinderhospiz dem Kind, was vielleicht
nicht die Möglichkeit
hat, mit Worten zu kommunizieren,
sondern das anders macht mit
Gesten oder mit Handbewegungen und ich
lerne dieses Kind zu lesen
oder bemühe mich Bedürfnisse zu
erkennen und ich spreche mit dem
Kind auch wenn es mit mir auf diese Art
nicht sprechen kann und das
macht ganz viel mit meiner Haltung diesem
Menschen gegenüber und
das war mir immer wichtig oder auch
den Eltern gegenüber, die mit
Sorgen auch da sind und diese Sorgen
führen vielleicht auch zu nah
ungeduld oder ja, sage ich mal zu nah
nicht politisch korrekt eine
Ausdrucksweise und dass ich aber
das dahinter erkenne die
Bedürfnisse und die Gefühlslage und
darauf auch eingehen kann,
das war mir immer wichtig, das hat
Achtung dem Menschen gegenüber
gegeben, ob es die Kinder waren oder
auch die Erwachsenen ja oder
auch jetzt eben in der
Trauerbegleitung, da ist es
auch nichts anderes.
Menschen in Trauer sind oft nicht ganz
bei sich selbst und sie da
wieder hin zu bringen, zu sich selbst,
dass sie auch selbst wirksam
werden und wieder wissen was
tut mir gut, was
tut mir nicht gut, wer bin
ich eigentlich jetzt?
Es ist so ein Einschnitt im Leben,
ja das braucht manchmal externe Hilfe
um sich wieder neu zu
sortieren und das Leben ist kein bisschen
mehr wie vorher, alles
wird auf den Kopf gestellt und es macht
vor keiner Ecke Halt und da
begleiten zu dürfen, das finde ich
eine großartige Aufgabe.
Ganz viel Haltung schwingt in deiner
Antwort ja mit aus dem was du
gerade beschrieben hast, kann ich
spüren wie deine Haltung
gegenüber den Patienten, Familien
und so weiter ist, ist es
möglich dafür Worte zu finden, also
wie soll man sowas in einem
Lehrbuch schreiben, ist es
möglich, dass du
dafür Worte findest wie
ist deine Haltung?
Wahrscheinlich müsste man jetzt eher,
ich habe gerade immer mein
erster Gedanke war, wahrscheinlich
müsste man eher die Trauerenden
selbst fragen, was kommt wirklich rüber
von dem, was in mir ist.
Wenn ich jetzt aber zum Beispiel
Schülerinnen oder Schüler im
Kinderhospiz hatte, die ich mitgenommen
habe, dann ging es mir
erstmal auch um diese Bewusstheit
überhaupt, also wenn zum
Beispiel Eltern ungeduldig waren oder
gereizt, dann auch darauf
aufmerksam zu machen, warum das so ist
und dass das vielleicht auch
erst mal nichts mit mir persönlich
zu tun hat oder so, sondern
einfach mit dieser absoluten
Ausnahmesituation, in der
sie gerade sind.
Ich glaube dieses Bewusstmachen in was
für einer Situation ist die
andere Person und gleichzeitig nicht
vorauszusetzen, ich weiß es,
sondern neugierig zu bleiben und im
besten Sinne neugierig zu
bleiben und zu fragen, das ist mir
wichtig und das spiegelt
vielleicht so ein bisschen auch meine
meine Haltung, aber du hast
schon recht Worte dafür zu finden,
finde ich gerade auch nicht einfach.
Für mich hört sich das ja nach einfach
nach einem unglaublichen
Privileg an, dass du so dicht
an Menschen in so einer
Ausnahmesituation bist, wo eben alle
Masken fallen und wo man den
Menschen ganz ganz ganz nah kommt und
ganz ganz nah ist, was sich
gar nicht vermeiden lässt und das
macht ja auch etwas mit dir.
Das Schicksal der Menschen, der Familien,
der Trauernden ist ja
etwas wo eine ganz große Nähe
ja auch dann da ist.
Wie gelingt es dir von diesen Themen
dann auch wieder Abstand zu
halten für dich persönlich oder
wieder wieder zu dir
zurückzukommen, wenn du so dicht an
diesen Menschen dran warst?
Also erst mal empfinde ich es auch
als was ganz Besonderes
überhaupt so nah in Lebensgeschichten
auch einzutauchen, weil das
was ich höre und mitbekomme, dass
erzählen viele ja noch nicht
mal ihren Freunden oder nur
sehr ausgewählten
Freunden und ja es ist auch
schon sehr intim.
Also ich finde sterben ist intim und
auch Trauer, das sind so tiefe
Gefühle und ja dass ich da begleiten
darf empfinde ich schon
wirklich als was ganz besonderes.
Ich habe für mich festgestellt es gibt
nur eine bestimmte Anzahl
an Gesprächen, die ich am Tag
durchführen kann um präsent zu sein.
Also das heißt ich kann nicht vom
morgens bis abends Gespräche
führen und die haben alle die gleiche
gute Qualität, sondern da
brauche ich entsprechend Pausen und
muss gut für mich sorgen.
Ich gehe laufen, das hilft mir total,
ich bin in der Natur, ich
nehme mir freie Tage und das brauche ich
auch je nach Intensität
der Gespräche ist.
Das sind ja auch nicht alle Gespräche
gleich intensiv.
Also dass ich für mich selber sorge
ist auf jeden Fall nicht nicht
was was irgendwie schön ist oder so,
sondern es ist notwendig,
damit ich weiter gute Arbeit machen kann.
Und dann natürlich auch immer wieder
in die Distanz zu gehen.
In dem Gespräch bin ich präsent
und dann gehe ich aber auch
bewusst wieder raus, weil es ist
nicht mein Schicksal.
Das Leben hat für mich andere Themen
bereit, mit denen ich klar
kommen muss, aber dieses ist
eben nicht mein Thema.
Es ist mein Thema für eine Stunde,
aber auch in einer ganz anderen Rolle.
Und das hilft mir schon, mir
das immer wieder
bewusst zu machen, auch durch
kleine Gesten.
Also zum Beispiel mache ich bei einem
Gespräch mit trauernden
Kerzen an und die pust ich dann auch
wieder aus und das ist für
mich auch schon eine Symbolik von das
Gespräch fängt an und das
Gespräch wird auf.
Das kann für andere ganz unbedeutsam
sein, für mich ist es
bedeutsam, weil es so ja ist begrenzt.
So als ein Beispiel.
Und natürlich passiert es auch, dass
ich merke, so jetzt war ich drüber.
Jetzt habe ich diese Grenzen, meine
eigenen Grenzen nicht beachtet.
Ich gehe ja aber auch als
ganzer Mensch rein.
Deswegen habe ich manchmal ein Problem
mit diesem Begriff professioneller
Haltung.
Das ist eigentlich meine Haltung zum
Leben, die ich da mitbringe.
Und ich finde es nicht schlimm,
wenn ich selber
auch berührt bin oder ich
mich berühren lasse.
Ich finde es menschlich.
Gab es Begegnungen mit Sterbenden oder
Angehörigen, die dich bis
heute begleiten oder beschäftigen?
Also es gab auf jeden Fall Situationen,
die mich nachhaltig beschäftigt haben.
Besonders das erste Kind, was ich
begleitet habe, was verstorben
ist, das werde ich einfach
nicht vergessen.
Weil das einfach eine ganz besondere
Situation war, in die ich auch
reingesteupert bin.
Da war ich im Grunde noch nicht mehr
wirklich dafür ausgebildet
und sehr jung.
Und ja, mir fehlte wirklich die Erfahrung
und im Nachhinein denke
ich, oh Mann, mit dem Wissen von heute
hätte ich das an der einen
oder anderen Stelle wirklich noch
besser gestalten können.
Ich habe es halt so gut
gemacht mit allem,
was ich zu dem Zeitpunkt zur
Verfügung hatte.
Und gleichzeitig habe ich da schon
gespürt, dass es was, was
ich machen möchte.
Das habe ich ja dann auch im
Kinderhospiz und im
Kinderpalliativteam, also gemeinsame
Zeit, waren
es elf Jahre, dass ich in dem
Bereich tätig war.
Und in der Trauerbegleitung kommt das
natürlich auch vor, was ich
halt immer wieder merke, ist, also
ich arbeite ja im Verein für
Trauern der Eltern und Kinder in
Mainz und im Kinderhospiz war es genauso.
Immer dann, wenn es um Kinder geht,
die im Alter meiner eigenen
Kinder sind und die Themen sich so
ähneln, dann merke ich schon
manchmal, dass mir die Distanz schwerer
fällt, dass ich dann mich
innerlich nochmal mehr abgrenzen muss
und dass es dann manchmal
eine Gradwanderung zwischen der
Abgrenzung und der Präsenz.
Ja, das empfinde ich dann als
herausfordernd, aber inzwischen
klappt das ganz gut.
Also ich musste da meinen Weg finden,
ganz klar, und das glaube ich
ist auch normal, dass nicht ab Tag 1
schon super hinzukriegen und
auf der einen oder anderen Seite
vom Pferd zu fallen.
Na gut, ich glaube, das gehört ja zu
jedem beruflichen Werdegang
dazu, dass man seine Erfahrung sammelt,
dass man auch ins kalte
Wasser geschmissen wird und auch in
verschiedenen Situationen ist,
wo man dann merkt, ah, das ist wirklich
mein Ding, das ist meine
Stärke, hier möchte ich
weitermachen und hier möchte
ich weitergehen.
Und so nehme ich das wahr, was du erzählst,
wie du es erlebt hast,
wie du dazu gekommen bist, heute
ein Podcast zu machen.
Kleiner persönlicher Einschub.
Ich selber habe ja viel mitbekommen von
deinen Themen, bin dabei sozusagen
dein Beifahrer.
Und für mich war es auch eine ganz
eigene Erfahrung, das mitzuerleben.
Wir bieten hier den Kurs Musik und Trauer
an im Tonstudio und jetzt
kann ich über die Wirkung von Musik
aller Hand erzählen, kann
Übungen vorbereiten, gemeinsame Singen
anleiten, ein bisschen
erklären, was passiert in den
beiden verschiedenen Gehirnhälften
dabei.
Aber für mich war das letzte Mal,
als wir diesen Kurs gemacht
haben, das erste Mal, dass ich mit
trauernden Eltern zu tun hatte
und in solch einem Setting saß
und ich war nervös.
Und deine Haltung, deine Ruhe im Umgang,
deine, wie ich finde,
deine klugen Fragen und Gedanken, mit
denen du durch diesen Nachmittag
geführt hast,
das war für mich ein guter Anker.
Und dann war das wirklich auch eine super
Zusammenarbeit, die lange
im Gedächtnis geblieben ist, weil
ich da eben zum ersten Mal
wirklich in Kontakt kam mit Eltern,
die ein Kind verloren hatten.
Und ich habe wirklich echt Respekt gehabt
vor diesem Nachmittag und
war hinterher auch wirklich
sehr beeindruckt
von dem, was an diesem Nachmittag
passiert ist.
Ein Beispiel, ein Vater hat erzählt,
er hat früher im Chor
gesungen und nach dem Tod seines
Kindes nicht mehr gesungen.
Das war ihm dann nicht mehr möglich
und hat dann nach Musik und
Trauer, der gesagt, weil wir da so ein
paar Übungen gemacht haben
und vorsichtig versucht haben, was
passiert bei Musik, hat er
gesagt, ich will mir wieder
ein Chor suchen.
Ich will das wieder probieren, mich
in die Gemeinschaft andere
Menschen begeben, mit denen
ich gemeinsam singe.
Das ist für mich heute auch noch
beeindruckend immer wieder, wenn
ich daran denke und ich denke daran.
Das ist mir wirklich im Gedächtnis
geblieben.
Das berührt und mit Musik
ist es ja so, dass
es Trauerende gibt, die sagen,
mir hilft Musik.
Mir hilft Musik auch, in eine bestimmte
Stimmung zu kommen, also
entweder, dass die Stimmung aufgehält
wird oder aber auch bewusst
traurige Musik zu hören, um zu weinen.
Und dadurch, dass Musik halt direkt
wirkt, gibt es auch ganz viele
Menschen, ganz viele Trauerende, die
sagen, ich kann gar keine Musik hören.
Das geht gar nicht.
Ich höre kein Radio, ich habe früher
immer Radio gehört.
Das war das erste, was ich
gemacht habe, bin
ich aufgestanden bin und das
geht heute nicht.
Und zwar entweder, weil sie halt sagen,
ich kann dieses Geduld und
auch dieses oberflächliche Gerede nicht
mehr hören oder aber die
Gefahr ist, Musik zu hören, mit der
man was verbindet, mit der sie
was verbinden oder die vielleicht auch in
der Bestattung gespielt worden
ist oder so.
Und Musik als Ausdrucksweise auch für
die Trauer zu entdecken, das
ist ja im Grunde das Ziel des Seminars.
Und es ist schön, dass auch hier im
Tonstudio machen zu können
und auch diese Möglichkeit zu haben,
immer dann, wenn es natürlich
auch passt.
Ja, also für die einzelne Person, das
muss natürlich jeder für
sich selber prüfen, ob das schon
dran ist oder eben nicht.
Dein jetziges berufliches Thema ist
ja nicht partytalklich.
Viele weichen diesem Thema aus.
Ich mag das selber bei mir, also wenn
ich darüber sprechen soll,
das ist nicht leicht, da muss ich
echt Anlauf nehmen für.
Viele sprechen ungern darüber, sei
es über den eigenen Tod, sei
es im Umgang mit Verlust oder im Umgang
mit Freunden, Nachbarn, die
einen Verlust zu verarbeiten haben,
die jemanden verloren haben.
Warum ist das dein Thema?
Ich glaube, ins Kinderhospiz bin
ich vor allem über diese
Beziehungsarbeit gekommen, also über
dieses Ich kann Familien und
ja die Kinder über lange Zeit
begleiten und eine Beziehung aufbauen.
Da bin ich glaube ich schon auch mit
einer gewissen Nervität
vielleicht auch angegangen oder Offenheit,
gemeinsam zu leben und
den Alltag zu gestalten im
Kinderhospiz und den Tod nicht
auszuklammern.
Das war von Anfang an was, was mich
an der Arbeit fasziniert hat,
dass das geht, dass trotzdem ganz viel
Leben ist im Kinderhospiz
und dann ging es für mich in sofern
weiter, dass ich gemerkt habe,
dass das Umfeld häufig anfängt die
Menschen zu meiden, die in so
einer Situation sind und das habe
ich als ungerecht empfunden.
Also das ist wirklich an meinen Gerechtigkeitssinn
irgendwie, hat
das so angedockt und ich habe gedacht,
das kann noch nicht sein,
dass wenn Menschen sowas erleben müssen
und wir können es nicht
abwenden mit unseren medizinischen
Möglichkeiten, dann braucht es
doch eine liebevolle gute Begleitung
und zwar in der Zeit und auch
in der Zeit danach, also in der Trauer.
Mir ist es selber schwer gefallen oder
es war ein Schritt noch mal
im Kinderhospiz, kann man noch sehr
viel machen auch in Richtung
Gestaltung des Tages, letzte Wünsche
erfüllen, es schön machen,
es bunt machen, irgendwie so,
ja es ist sehr viel
Gestaltungsspielraum da, das ist
in der Trauer nur bedingt
möglich, natürlich gibt es so Angebote
wie jetzt eben Musik und
Trauer oder kreative Angebote, es
ist aber auch ganz viel nur
Dasein, also nur in Anführungsstrichen,
Dasein und Aushalten und
nicht weggehen, sich eben nicht
entziehen, ist schon auch eine
große Aufgabe als Trauerbegleiterin,
ja und das habe ich
irgendwann erkannt und fand es wichtig
und dann hat es mich nicht
mehr losgelassen.
Wie hat sich dein Blick auf den Tod
über die letzten Jahre verändert?
Es hat sich insofern verändert, dass
überhaupt ja auch in mir
eine ganz intensive Auseinandersetzung
stattgefunden hat.
Dies ja bevor ich in diesen Bereichen
gearbeitet habe, die gab es
hier auch nicht und dass ich immer mehr
für mich entwickelt habe,
was finde ich für mich wichtig, also
in meiner Vorstellung, wenn
ich sterbe oder was finde
ich wichtig in der
Begleitung von Trauernden,
Blick auf den Tod.
Also ich kann glaube ich jetzt nicht
sagen, ob ich mehr oder
weniger Angst habe davor, einen gewissen
Respekt vor dem Sterben
habe ich schon, also jetzt finde ich
an mich selber denke, die
Begegnungen mit Trauernden oder auch
mit dem Tod an sich, also das
heißt sterbende Menschen auch zu
begleiten, da habe ich keine
Angst vor, also vor der Begegnung,
dass das nicht.
Es ist immer noch nach wie vor was
Besonderes, das hat sich auch
nie verändert.
Eigentlich finde ich sogar fast vergleichbar
wie eine Geburt, nur
in die andere Richtung, also natürlich
mit einem viel traurigeren
Anlass, aber auch dass der zu gestalten
ist, also das Sterben zu
gestalten ist, also jetzt rede ich
natürlich von sowas wie
Kinderhospiz oder so wenn man schon
weiß, dass jemand sterben
wird, das gilt natürlich nicht
für den plötzlichen Tod.
Also ich würde sagen, es hat sich
schon was verändert und die
Veränderung liegt vor allem in der
Auseinandersetzung und ich
glaube, das ist schon wirklich auch viel.
Also ich weiß, was ich mir für mich
vorstelle, was mir wichtig
ist, sofern das in meiner Hand liegt,
ja, ich weiß, dass ganz viel
sozusagen nichts in meiner Hand liegt,
wenn es um ein plötzliches Ereignis geht
und es gibt mir halt im Grunde die Chance
heute in mehr Bewusstheit
zu leben und das, denke ich, ist
der viel entscheidendere Unterschied.
Es ist glaube ich, ja, jetzt habe
ich es, es ist gar nicht die
Veränderung so sehr mit
Blick auf den Tod,
sondern viel mehr mit dem
Blick auf das Leben.
Nämlich, wie lebe ich denn heute in
dem Wissen, dass es zu Ende
sein kann jederzeit und das kann sehr
bedrückend sein, das kann
aber auch sehr motivierend sein
und sehr richtungsweisend.
Also ich glaube, ich frage mich, wahrscheinlich
häufiger als der
Durchschnitt bin ich noch auf dem
richtigen Weg im Sinne von, ist
das hier so mein Platz und ist das das,
was ich leben möchte und
wenn das nicht so ist, dann korrigiere
ich das und das kennst du ja
zu genüge, dass ich das dann auch tue.
Das stimmt.
Es wäre jetzt auch meine nächste
Frage gewesen.
Was macht es denn mit deinem Leben,
deiner andere Haltung zum Thema Tod?
Die hast du jetzt schon
etwas beantwortet?
Ja, ich würde sagen, ich bin schon
dem Leben, stehe dem Leben
positiv gegenüber, ich genieße also
ich bin ein Genussmensch.
Ich kann die schönen Sachen im Leben
sehen und kann aber auch mit
der Traurigkeit von Menschen mitgehen,
auch mit meiner eigenen
Traurigkeit und das dann auch zuzulassen.
Mir ist oft bewusst, was ich habe und
dass das viel ist und dass
ich reich beschenkt bin mit vielen
in meinem Leben.
Wenn jetzt jemand zuhört, der selber
gerade trauert, was würdest
du dieser Person gerne sagen, die du
ja auch gar nicht kennst, die
jetzt nicht gegenüber sitzt, aber
vielleicht wie so ein eigentlich
doch wie ein Zuhörer hier mit
bei uns am Tisch sitzt.
Naja als erstes würde ich sagen,
achte gut auf dich, wenn du
diesen Podcast hörst oder auch weiter
hören möchtest, ob es dir
gut tut, dich so intensiv mit diesen
Themen zu beschäftigen oder
ob du deine Kraft für was anderes
brauchst gerade im Moment.
Das ist mir ganz wichtig, weil es gibt
Zeiten im Leben, da braucht
man besonders als trauernder Mensch nicht
unbedingt noch die Themen
rund um Sterbentut und Trauer noch
zusätzlich obendrauf zu dem
eigenen erleben.
Also dann auch wirklich zu schauen,
hör ich diesen Podcast mit
jemandem zusammen oder ist es vielleicht
auch gut hingegangen, ich erst zu hören.
Das war jetzt ganz bezogen
auf diesen Podcast.
Jetzt habe ich die Frage vergessen.
Wenn jemand zuhört, der gerade trauert,
was würdest du dieser Person
gerne sagen?
Naja also ich halte nicht so
viel von hier sind
die zehn besten Tipps für
trauerende Menschen.
Sonst würdest du ja auch ein
Kalender rausbringen?
Ja genau, also weil ich der festen
Überzeugung bin, dass wirklich
jeder Mensch anders trauert und auf
was anderes braucht, auch wenn
es ähnliche Themen gibt und dafür
gibt es ja auch so was wie
Trauergruppen, wo ein Austausch
möglich ist und auch eine
Verbundenheit gespürt wird und das
ist wichtig und hilfreich und
gleichzeitig finde ich es ganz schwierig,
wenn so allgemein
Aussagen getroffen werden, denn aus
meiner Erfahrung treffen selbst
die, ja weiß ich nicht, also treffen
ganz viele Dinge da einfach nicht zu.
Weil die Menschen haben ein sehr unterschiedliches
Leben geführt
und Trauer fällt nicht auf ein weißes
Blatt, sondern auf ein
Vorleben, auf Vorerfahrungen, auf
Bewältigung Strategien und die
sind immer sehr sehr unterschiedlich
und wie viel Zeit das dauert,
wie sich der Schmerz verändert, wie
sich was wann anfühlt ist
höchst individuell und in meinen
Gruppen, die ich leite sage ich
immer, wenn von euch jetzt acht Leute
sagen, das ist grün und
einer sagt, das ist rot, dann möchte
ich die eine Person hören,
die sagt, es ist rot, weil vielleicht
ist das für die anderen
eine Inspiration.
So Simone, wir kommen zum Ende deiner
ersten Podcastfolge.
Ja.
Wir unterhalten uns ja öfter mal über
dein Thema, aber auch das
Gespräch heute empfand ich für mich
wieder als inspirierend, als
bereichernd, ganz besonders für das
Nachdenken über den Tod, der
vor allem dann Auswirkungen
auf meine Haltung
zum Leben hat, weil das das
große Feld aufmacht,
dass ich mir auch Gedanken mache, weil es
jetzt nicht beteiligt, nicht betroffener.
Mich erinnert das an den Spruch aus
der Bibel, den ich kenne, Herr
leere uns Bedenken, dass wir sterben
müssen, auf das wir klug
werden und das erlebe ich bei dir,
dass ich ganz viel auch in vielen
Alltagsfragen ja Marke das
Beschäftigen mit dem Tod bringt Klugheit
fürs Leben mit sich.
Jetzt schiebe ich dir mal wieder die
Rolle der Gastgeberin rüber.
Gibt es etwas, was du zum Schluss des
Podcasts jetzt noch sagen möchtest?
Ja, eigentlich gar nicht so viel.
Ich spreche nur die Einladung aus
an alle, die zuhören.
Wenn ihr Fragen habt oder
Anregungen, Ideen, dann schreibt
mir gerne.
Ich nehme das dann mit auf und auch wenn
es Wünsche gibt eben für
Themen, dann höre ich mir das gerne an
und schau, was da sich umsetzen lässt.
Ja und ich freue mich auf die
nächsten Folgen.
Die nächste ist mit der Barbara
Ludwig, die 26 Jahre als
Redakteurin beim ZDF gearbeitet hat
und nun Trauerrednerin ist.
Und ja, wir können sie ein Stück weit
begleiten auf ihrer Reise.
Ja und wenn dich das Thema interessiert
hat und es dich berührt
hat, dann hör gerne rein und leite
gerne dem Podcast weiter an
jemanden, der es brauchen könnte.
Danke Simone, schön, dass du da warst.
Vielen Dank, Andreas.