vom Gehen und Bleiben

Simone Radzuweit

Das blaue Bild - mit Martina Vogt

Weiterleben nach dem Tod des eigenen Kindes

30.07.2026 60 min

Zusammenfassung & Show Notes

In dieser Episode spreche ich mit Martina Vogt über ihr Buch „Das blaue Bild“ und ihr Leben nach dem Verlust ihrer Tochter Milena. Es ist ein tiefgründiger Austausch darüber, wie Schreiben bei der Trauerarbeit hilft und warum offene Kommunikation über den Tod essenziell für Familien ist.
Das Buchprojekt, an dem sie über zweieinhalb Jahre  mit Simone Pfundstein - Nachtwey arbeitete, ermöglichte ihr ein tieferes Eintauchen in ihre Erinnerungen und deckte Momente auf, die sie zuvor als verloren glaubte.
Ein zentrales Thema ist die Frage, wie man Kindern begegnet, wenn der Tod allgegenwärtig ist. Viele Erwachsene fürchten, Kinder zu belasten, wenn sie offen über Sterben und Trauer sprechen. Doch Martina Vogt ist überzeugt: Kinder besitzen eine bemerkenswerte Resilienz und ein feines Gespür für die Wahrheit. In der Kinderklinik begleitete sie die Kinder und Eltern durch schwere Zeiten und machte die Erfahrung, dass Ehrlichkeit das Wichtigste ist.

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Linkedin: https://www.linkedin.com/in/simone-radzuweit-76511b403/


Hier könnt ihr das Buch bestellen:
Direkt bei Martina Vogt: dievogts.mv@gmail.com
Im Blumenladen von Alisa Vogt: https://alisas-blumenzauber.de


Weitere Links zum Thema:
Grünewald*Baum Bestattungen: https://www.gruenewald-baum.de
Verein krebskranke Kinder Mainz: https://www.krebskrankekinder-mainz.de




Transkript

"Vom Gehen und Bleiben": der Podcast über Verluste und Menschen, die mit ihnen weiterleben. Ich bin Simone. Heute vor 33 Jahren, um 06:26, hast du, Milena, das Licht der Welt erblickt. Du hast mich zur glücklichsten Mama gemacht, uns zu stolzen Eltern. Deine Großeltern, Patentante, Verwandte und Freunde haben dich mit Freude begrüßt und sofort ins Herz geschlossen. Ja, Milena heißt "die von allen geliebte". Dies durfte Milena in ihrem kurzen Leben immer wieder erleben. Sie hatte eine unbeschwerte, glückliche Kindheit, alles war normal und schön. Mit 3 Jahren wurde sie große Schwester von Alisa, die sie am liebsten stolz in den Armen hielt und sie liebevoll behandelte, als wäre sie eine Puppe. Kindergarten, Einschulung, Freundschaften schließen - all dies durfte Milena mit viel Spaß und Freude erleben. Mal anderer Meinung sein wie die Eltern, geärgert werden von der kleinen Schwester, traurig sein, hinfallen und getröstet werden - all das, was zum Großwerden gehört. Eine ganz normale Kindheit. Der Dienstag, 27. Juli 1999, veränderte alles. Nach monatelanger Untersuchungen, Appetitlosigkeit, immer wieder erhöhter Temperatur und schlechten Blutwerten bekam Milena die erschütternde Diagnose: Krebs. Fast 2 Jahre nahm sie diese Erkrankung an, machte alle nötigen Therapien mit, ließ eine Transplantation über sich ergehen, ertrug viel - meistens mit einem Lächeln, gab nicht auf und machte täglich das Beste aus ihrem kleinen Leben. Wir haben dich, so gut wir konnten, begleitet und sind noch heute mächtig stolz auf dich. Leider nahm dir der Krebs die Kraft und den Mut, weiterzuleben. Du hast am 19. April 2001 darauf vertraut, dass das Leben nach dem Tod ein gutes, wunderbares, wenn auch anderes Leben ist. Wir vermissen dich, du fehlst uns jeden Tag, wir lieben dich für immer und wir wissen: Wir sehen uns wieder. Heute spreche ich mit einer Frau, die ich vor vielen Jahren kennengelernt habe, und da habe ich nicht gewusst, dass wir uns mal wiedersehen werden. Das war vor 26 Jahren in der Kinderchirurgie Mainz. Da bin ich ihr und ihrer Tochter begegnet. Dann hat das Leben uns aber in unterschiedliche Richtungen geführt. Erst vor einem Jahr, beim Netzwerktreffen, habe ich dich wiedergetroffen und deine Tochter in deinem Buch wiedererkannt. Damals habe ich mich nicht getraut, also vor einem Jahr habe ich mich nicht getraut, dich anzusprechen. Irgendwie war ich, glaube ich, selber sehr geflasht von der Situation. Und jetzt sitzen wir hier im Podcast. Herzlich willkommen, Martina Vogt. Hallo Simone. Also, ich finde erst mal das total spannend und total schön, dass wir uns wiedergefunden haben. Auch wenn ich - ich muss es leider zugeben - mich an unsere erste Begegnung nicht genau erinnern kann. Die Umstände darum, die weiß ich genau. Und du hast mir gerade vorher von einem Bild erzählt, an das du dich erinnerst. Und dieses Bild von Milena, wo du mit drauf bist, an das kann ich mich auch erinnern. Und ich bin sicher, ich werde es zu Hause finden. Aber dass wir uns wieder begegnen und jetzt heute zusammen hier sitzen, finde ich natürlich auch großartig. Also, es begegnet mir immer mal wieder, weil ich glaube, das Thema, über das wir auch sprechen und das auch im Hintergrund steht, das ist ja auch der Tod eines Kindes. Wenn man sich da immer begegnet, das sind so kleine Oasen, die besonders sind. Und man findet sich immer mal wieder. Ich bin heute hier, weil wir über das Buch, das ich geschrieben habe, sprechen wollen. Ja, ich habe mich darauf gefreut, heute hierherzukommen. Das muss ich sagen. Es ist schön, hier zu sein. Ja, das Buch, "Das blaue Bild", ist auch unter der Folgenbeschreibung verlinkt, also für alle, die nachlesen wollen, genauer nachlesen wollen. Stellen wir es jetzt auch erst mal ein bisschen vor. Was war dir wichtig, als du dieses Buch geschrieben hast? Ich habe dieses Buch gedanklich, ich glaube, von Anfang der Erkrankung von Milena schon begonnen. Also, ich habe immer wieder in der Zeit, als unsere Tochter so krank war - sie ist an Krebs erkrankt, mit 9 Jahren - immer wieder daran gedacht, dass ich über das alles irgendwann was schreiben muss. Und das hatte sich natürlich in der Zeit der Erkrankung und Behandlung verloren und auch erst recht, als Milena gestorben ist. Aber die Jahre danach habe ich angefangen, immer wieder mal etwas zu schreiben. Ich habe mal über ihren 10. Geburtstag geschrieben, ich habe mal über Weihnachten ohne Milena geschrieben. Ich habe immer wieder mal was getan, aber es nie zusammengefügt und dann auch wieder an der Seite liegen gelassen. Bis zu dem Moment, als ich eine Trauerrednerin, die ich sehr mag, die Simone Pfundstein, die auch mit mir das Buch geschrieben hat, getroffen habe. Und wir hatten damals ein Kind beerdigt im Wald in Wiesbaden. Ich erinnere mich genau, es war ein Januartag mit Schnee und kalt. Und sie fragte mich: "Martina, wie geht es dir eigentlich, wenn du ein Kind beerdigen musst?" Ich als Bestatterin ein Kind beerdigen muss. Und dann sagte ich: "Das ist für mich in Ordnung." Ich muss sagen, ich bin da auch immer sehr bei den Eltern und glaube und hoffe, dass ich da immer auch recht großes Verständnis für die Eltern habe, weil ich das Gleiche erlebt habe. Und dann war das so, dass ich gesagt habe: "Wenn du Zeit hast, kann ich dir erzählen, was ich alles dazu denke, dass Milena gestorben ist und ich heute hier stehe und ein anderes Kind beerdige." Und dann hat sie gesagt, es war immer noch kalt und wir standen im Schnee. Und sie meinte: "Das müssen wir tun. Und ich habe gesagt: Weißt du, eigentlich will ich schon immer mal ein Buch darüber schreiben." Und da erwiderte Simone: "Das ist doch eine tolle Sache. Ich bin eigentlich Journalistin, weißt du das? Und vielleicht sollten wir das zusammen machen." Und so war der Grundstein gelegt. Und wir haben über zweieinhalb Jahre das Buch geschrieben. Über die lange Zeit ist es doch jetzt ein gutes Buch geworden. Ja, wir haben einen Verlag gesucht und gefunden. Und ich finde, es sieht sehr schön aus. Es hat meine Bedürfnisse wirklich vollstens irgendwie erfüllt. Es ist genau so geworden, wie ich mir es gewünscht habe. Und das ist am Ende natürlich ganz schön. Ja, also das in der Hand zu halten, das war damals im Oktober vorletztes Jahr, war das für mich, glaube ich, einer der größten Momente überhaupt, die ich die letzten Jahre so erlebt habe. Ja. Ja. Und kannst du sagen, was es mit dem Titel auf sich hat, "Das blaue Bild"? Ja, "Das blaue Bild". Wenn man mich jetzt sehen könnte, ich bin heute auch blau angezogen, weil das einfach Milenas Lieblingsfarbe war. Und wir haben ganz viele Fotos von Milena. Da ist immer was Blaues zu sehen: blauer Pulli, blaue Hose, blaue Jacke, blaue Mütze. Beziehungsweise dann, als sie in der Therapie war und keine Haare hatte, so ein blaues Bandana. Und überhaupt, irgendwie war Blau Milenas Lieblingsfarbe. Und wir hatten diesen Titel, "Das blaue Bild", ganz schnell, weil ich immer dabei auch ein ganz besonderes blaues Bild vor meinen Augen hatte von ihr. Also ein Foto, wo sie auch so ganz in Blau ist, das auch in dem Buch drin abgebildet ist. Und wir haben dann noch mal überlegt: Ist das zu abstrakt, "Das blaue Bild"? Ist das überhaupt ein guter Titel? Ich hatte damals auch mit dem Verlag noch mal alles besprochen. Und die sind noch mal mehrere Dinge durchgegangen, um zu erfassen, ob das ein Titel ist, der anspricht, oder ob das zu abstrakt ist. Und wir sind dann, nachdem wir vieles andere ausprobiert haben, was uns alles nicht gefallen hat, zurückgekommen und dabei geblieben. Und ich glaube, es ist auch nach wie vor der richtige Titel für das Buch. Ja. Und war das Schreiben von dem Buch, war das für dich eher eine Verarbeitung oder ging es darum, Erinnerungen festzuhalten? Was war so die Grundmotivation, das Buch zu schreiben? Also, ich glaube, meine gedanklich erste Motivation war die, dass ich Milena irgendwie so ein bisschen, dass sie nicht vergessen wird, dass sie so ein bisschen bei uns bleibt. Lebendig bleibt ist vielleicht das falsche Wort, aber dass sie einfach in unserem Kopf ist und manchmal in unseren Gedanken und in unseren Worten ist. Und nicht nur für uns, sondern auch für die Freunde, für Freunde von uns, Freunde von Milena, dass sie allgegenwärtig bleibt. Das war, ich glaube, der allererste Grund. Der zweite Grund war mit Sicherheit auch für mich was Positives, noch mal alles aufzuarbeiten. Ich habe die ganzen Jahre, und Milena hat in zwei Tagen ihren 25. Todestag, bin ich sehr bewusst mit dem Tod von Milena umgegangen. Ich habe versucht zu lernen, mit dem Tod von ihr zu leben und habe sie auch immer in mein Leben mit einbezogen, sowohl in unserer Familie wie mit unseren Freunden, aber vor allem auch so für mich selbst. Und habe es nicht in eine Schublade gesteckt und den Schlüssel weggetan, sondern ich habe immer wieder reingeguckt und habe mich immer wieder mit dem Thema beschäftigt, dass Milena gestorben ist, und habe geguckt, was ich für mich tun kann. Und für mich war ganz wichtig, immer das Reden, Reden, Reden. Kommunikation, auch viel mit Gleichgesinnten, also die das Gleiche erlebt haben, habe ich ganz viel geführt. Ich war nie in der Therapie. Das habe ich mir irgendwie, habe ich gedacht, das mache ich mit den Menschen, die ich kenne, und habe aber wirklich immer den Austausch gesucht. Und von daher war es natürlich ein Aufarbeiten. Aber ich hatte schnellen Zugang, sage ich jetzt mal. Ich habe gemerkt, wenn wir, wenn jetzt die Simone und ich, wenn wir zusammen am Arbeiten waren für das Buch und sie mich Dinge gefragt hat, ich habe gemerkt, dass ich in meinen Gedanken immer tiefer tauchen konnte. Und das fand ich sehr interessant. Und ich benenne es wirklich so, weil ich hatte das Gefühl, ich kam immer weiter runter und habe immer weiter in den Tiefen Erinnerungen gefunden, die vielleicht auch ein bisschen verschüttet waren, mit der ganzen Zeit auch, was vielleicht auch Dinge waren, die ganz klein und vielleicht auch gar nicht so wichtig waren. Aber ich habe gemerkt, dass ich immer alles wieder hervorholen kann. Und das fand ich für mich selbst eine sehr gute Erkenntnis, dass wirklich nichts verloren ist. Ein Kuscheltier mit dem Namen Floppy. Wieder einmal saß ich in Milenas Zimmer und hielt die zweite Ausgabe von "Floppy" auf meinem Schoß, mit Tränen in den Augen und rasendem Puls. "Floppy" ist ein dalmatiner Stoffhund von IKEA, den ich, als ich im September 1989 erfahren hatte, dass ich schwanger bin, gekauft und mir ganz häufig auf dem Sofa sitzend auf den Bauch gelegt hatte. Das hatte unerwartete Folgen, wie sich später herausstellte. "Floppy" wurde für unsere am 22. Mai 1990 geborene Tochter sehr wichtig. Ab dem Tag, an dem wir freudestrahlend mit unserer kleinen Tochter aus der Klinik nach Hause durften, legten wir "Floppy" immer mit ihr in ihr Babybett. Oft haben wir uns gewundert, wie nah Milena bereits als kleines Baby ihrem Stofftier war. Obwohl sie sich noch nicht drehen konnte, lag sie immer mit irgendeinem Körperteil ganz nah an Floppy. Er wurde von Anfang an von ihr angenommen, und uns hat sich im Laufe ihres Lebens gezeigt, dass er immer der wichtigste Begleiter von ihr sein würde. Natürlich ist der kleine Dalmatiner auch mit auf ihre letzte große Reise gegangen. Als wir Eltern erkannt hatten, wie geliebt dieses schwarz-weiße Kuscheltier war, kauften wir einen zweiten, genau gleichen Dalmatiner. Wir dachten, wir könnten unsere Tochter dazu bringen, dass sie beide annehmen könnte. Und wenn dann der eine Floppy so schmutzig geworden war, dass er sich in der Waschmaschine drehen musste, könnte der andere Floppy an Milenas Seite sein. Weit gefehlt. Milena setzte sich vor die Waschmaschine und wartete, bis das Kurzprogramm zu Ende war und ihr geliebtes Kuscheltier wieder, wenn nun auch nass, aus der Maschine kam. Das Trocknen ging, da der Hund aus Kunstfaser war, sehr schnell. Ob auf der Heizung, durch die Sonne oder im Notfall durch die Hilfe eines Föhns und zum guten Schluss durch die Wärme ihres Körpers, er war nun mal heiß geliebt. Sie nahm den neuen Hund nicht an. Selbst im Dunkeln erkannte sie "ihren" Hund. Ich erinnere mich gut daran, dass wir einmal versucht hatten, ihr im Halbschlaf den Floppy heimlich auszutauschen. Keine Chance. Sie bemerkte es sofort und warf den für sie anderen Floppy aus dem Bett. Danach hatten wir akzeptiert, dass es für sie nur einen richtigen Floppy gibt. Ich weiß, damals, als Milena gestorben war, war ich bei so einer, ja, irgendwie versucht man als trauernde Mama oder als trauernde Eltern viele Dinge, um irgendwie zu erfahren, wo ist das Kind jetzt, was ist passiert, wie kann ich das alles irgendwie erfassen und damit leben. Da war ich bei einer, ich glaube, sie hieß Craniosakraltherapeutin. Und das war ganz spannend für mich. Da habe ich gelegen und sie hat mich nicht angefasst. Ich musste nur die Augen zumachen. Und sie hat mir so ein paar Fragen gestellt und hat irgendwie was auch immer genau getan. Aber die hat damals zu mir gesagt, Sie brauchen keine Angst zu haben, dass Sie irgendwas vergessen. Es ist alles tief in Ihnen verankert. Und damals konnte ich das noch nicht so ganz glauben. Aber nachdem wir jetzt das Buch geschrieben haben und da so ganz viel wirklich wieder zum Vorschein kam, und da habe ich gemerkt, ja, die Frau hatte damals recht. Ich habe die ganzen Jahre, glaube ich, nicht daran gedacht, aber da fiel mir die Frau wieder ein, die das zu mir gesagt hat. Und es ist wirklich so. Und ich glaube, das ist auch eine Botschaft an alle: Man muss keine Angst haben, dass man was vergisst, was wirklich wichtig ist. Das ist da. Natürlich begleitete Floppy auch die letzten Tage in Milenas Leben auf der Intensivstation der Universitätsmedizin Mainz. Er lag immer in ihrer Nähe. Und ich weiß, dass sie großen Trost bei ihm fand. So ein geliebtes Kuscheltier kann eine sehr wichtige Rolle im Leben eines Menschen haben, auch im Erwachsenenalter. Ein Kuscheltier zu lieben ist niemals albern. Für uns, die Familie von Milena, war es völlig klar und notwendig, dass Floppy auch ihre letzte große Reise begleiten würde. Fest im Arm traten beide die letzte irdische Reise an. Wohin, wissen wir nicht. Gemeinsam ist wichtig. Wir hatten die Sicherheit, Milena geht nicht alleine von dieser Welt, und dies hinterlässt in uns bis heute ein gutes Gefühl. Ein paar Monate nach Milenas Tod spürten wir, wie sehr uns Floppy fehlt und wie traurig wir sind, dass wir keinen Floppy mehr in unserer Nähe wissen. Da Milena auf vielen Fotos Floppy mit dabei hatte, konnten wir ihn nach wie vor sehen. Doch entstand in mir das sehnsüchtige Gefühl, ihn zu streicheln und in den Arm nehmen zu können. Ich begann, Floppy zu vermissen, schmerzlich zu vermissen, wahrscheinlich, weil er ein Teil von Milena war und ist. Ich begann eine intensive Suchaktion. Den Namen "Floppy Nummer 2" von Janine zurückzufordern, war keine Lösung. Er sollte bei Milenas Freundin bleiben. Er gab ihr Trost, und ich wusste ihn dort in Sicherheit. Wir klapperten die umliegenden Geschäfte, die diesen Hund 1989 verkauft haben, ab. Wir durchsuchten und mit Hilfe von Mitarbeitern der Kinderabteilung die Schränke und Schubladen. Leider blieben wir erfolglos. Aufgeben wollte ich nicht. Nachdem wir viele Menschen in unserem Bekanntenkreis befragt hatten, wendete ich mich an einen Radiosender. Ich hatte auch dort kein Glück. Der gesuchte Dalmatiner war unauffindbar. 18 Monate nach Milenas Tod begann ich in meinem eigentlichen Beruf als Erzieherin in einem Nachbarort im Kindergarten "Unter dem Regenbogen" zu arbeiten. Ich arbeitete halbtags in einer Gruppe, in der einige Wochen vor meinem Beginn die Läuse ihr Unwesen getrieben hatten. Aus diesem Grund mussten alle Kuscheltiere dieser Gruppe für eine gewisse Zeit in die Gefriertruhe, damit das Ausschlüpfen neuer Läuse verhindert werden konnte. Die Tüte mit den wieder aufgetauten Stofftieren stand bereits einige Tage im Flur vor dem Gruppenraum. Immer wieder bediente sich ein Kind und holte sich ein Tier aus der Tüte, um mit diesem zu spielen. Somit kamen auch die Stofftiere an die Oberfläche, die vorher weit unten versteckt waren. An einem Morgen ging ich an der noch immer gut gefüllten Tüte vorbei und traute meinen Augen nicht. Ein schwarz-weißer Dalmatiner lag ganz oben. Genau dieser, den ich so lange gesucht habe. Floppy, er war es wirklich. Ich nahm ihn in meine Arme, drückte ihn an mich, und die Tränen liefen mir übers Gesicht. Tränen der Freude. Wie lange hatte ich auf diesen Moment gewartet? Unglaublich, unfassbar und wunderbar. Die Kinder und meine Kolleginnen schauten mich mit großen fragenden Augen an. "Was ist los mit dir? Warum weinst du?" Ich konnte nicht viel erklären, nur, dass dieser Hund ganz wichtig für mich ist und ich gerne einen Moment alleine sein will. Sie verstanden nichts, aber erfüllten meinen Wunsch. Als ich mich ein wenig gefangen hatte, versuchte ich zu erklären, was der Stoffhund mir bedeutet. Sie waren schnell einig, dass ich ihn behalten soll und mit nach Hause nehmen muss. Ich bin noch dankbar dafür, Floppy ist wieder da. Er sitzt in Milenas Zimmer, und wann immer ich möchte, kann ich ihn in den Arm nehmen. Und dafür bin ich unendlich dankbar. Ich tue dies nicht sehr oft, aber die Gewissheit, dass er immer in der Nähe ist, beruhigt uns alle. Und gab es auch was, was dich überrascht hat so im Schreibprozess? Ja, es gab in der Tat etwas. Und zwar waren es zwei Dinge. Zum einen, es hat beides mit unserer jüngeren Tochter, mit der Alisa, zu tun, die damals, als Milena krank wurde, fünf Jahre alt war, und als sie starb, sieben. Und die so viele Dinge mitbekommen hat und mir erzählt hat, was ich nicht wusste, was ich nicht auf, also das habe ich überhaupt nicht kapiert und gar nicht verstanden, dass sie das damals verstanden hat. Also ich habe das nicht gesehen. Und das war das eine. Und das andere war, ich habe in dem Buch geschrieben, wir waren über den, ich sage es jetzt mal vielleicht ein bisschen böse, über den Krebsbonus waren wir mit Milena bei Britney Spears. Sie war einmal in Deutschland. Damals in der Zeit war sie ja der Star. Und Milena war großer Fan von ihr. Und wir hatten Backstage-Karten in Frankfurt. Ich habe im Buch darüber geschrieben. Und dann habe ich da irgendwie mit meiner Tochter darüber gesprochen. Und ich wusste nicht mehr, dass sie mit dabei war. Und sie hat gesagt: "Mama, ich war doch da mit dabei. Weißt du das nicht mehr?" Und nein, ich hatte nur ein anderes Mädel im Kopf, und zwar eine Freundin von der Milena. Und ich habe Alisa da nicht mehr gesehen, dass sie dabei war. Das hat mich ein bisschen erschüttert. Aber ich glaube, das darf so sein. Ja, und wie schön, wenn man dann auch die Erinnerungen zusammentragen kann. Das hast du ja auch gemacht am Ende des Buches, wo dann sich auch Freunde noch mal mit ihren Erinnerungen zu Wort gemeldet haben. Erinnerungen von Michaela. Milenas Haare. In meinem Kopf setzte ich die Wörter, Sätze zusammen, nehme sie wieder auseinander, denn nichts kann treffend wiedergeben, wie ich diesen Sommernachmittag erlebt und ihn mit meinen Erinnerungen habe. Auf einer sonnenbeschienenen Dachterrasse, der Wind strich uns sanft um die Köpfe, saß Milena neben mir, um den Geburtstag ihrer Patentante Christine zu feiern. Es hätte also ein unbeschwerter Nachmittag sein können, wenn da nicht die niederschmetternde Diagnose von Milenas Krebserkrankung gewesen wäre. Doch die Hoffnung war stark. Dieses wunderbare Mädchen würde wieder ganz gesund werden, und wir würden uns nach vielen Malen auf dieser Terrasse treffen können. Die Sonne blendete, und ich musste nicht erklären, warum sich Tränen in meinen Augen sammelten. Milena saß da, still, fast in sich gekehrt, spielte, sie gedankenverloren, mit ihren langen braunen Haaren, die vom Wind immer wieder in das Gesicht geweht wurden. Da sah ich sie, die Krankheit, die Milenas Leben bedrohte. Ich konnte nicht greifen, und Angst schnürte mir die Kehle zu. Wenn Milena die Hand aus ihren Haaren nahm, hielt sie einzelne Strähnen in der Hand und ließ sie vom Wind wegwehen. Sie sprach ganz sachlich zu mir, dass das von ihrer Chemo käme. Die Haare, sie gingen davon aus. Vielleicht hat sie an meinem Blick gesehen, wie erschüttert ich war. Und so erklärte sie mir, dieses kleine Mädchen, mit der erwachsenen Frau, was das mit den Haaren auf sich hatte. "Mama hat mir das erklärt." Sie lächelte mich wissend an, als wollte sie sagen: "Sind doch nur Haare. Haare wachsen doch wieder." Ich weiß nicht, was ich antwortete. Nur dieses Gefühl tiefer endloser Traurigkeit, dass ich mich in diesem Moment beherrschte, dass ich immer noch da, wenn ich an diesen Sommertag im August denke. Als Milena schon einige Jahre verstorben war, lud ihre Familie zu einer Gedenkfeier auf dem Jakobsberg ein. Auf einem Tisch lagen ganz unterschiedliche Dinge, die zu Milena gehörten, die an sie erinnerten. Mir stockte der Atem, als ich eine Schachtel Milenas dicken Haarzopf entdeckte. Martina hatte ihn aufgehoben. Und da war Milena wieder ganz nah, auf der Dachterrasse, blinzelte mit mir in die Sonne und strich sich die Haare aus dem Gesicht. Das war auch so ein großer Wunsch von mir, den ich von Anfang an hatte, dass ich andere Menschen, die uns in der Zeit, als Milena so krank war und gestorben ist, so sehr nah waren, angefragt habe, ob sie vielleicht Lust haben, ein paar Worte, eine Erinnerung an Milena zu schreiben. Also es ging nicht darum, dass jeder Milena beschreibt, was es für ein liebes Mädchen war oder für ein tolles Mädchen war oder wie tapfer, sondern es ging so um ein Erlebnis mit ihr. Und da haben doch einige Freunde von uns wirklich was geschrieben. Und das ist im Buch hinten mit drin. Das war für mich auch ganz wichtig. Und ich weiß, dass ich da diese Menschen, die sich wirklich beteiligt haben, sehr gefordert habe mit meiner Bitte, die sich auch sehr schwer damit getan haben, aber trotzdem es geschafft haben. Und ich finde es einfach großartig. Und jetzt hier noch mal mein großes Dankeschön an alle, die sich da an meinem Buch beteiligt haben. Ja, ich habe, also meine eigenen Erinnerungen sind ja auch sehr verschwommen, so. Aber was ich in Erinnerung habe, ist den Witz. Also ich konnte gut mit ihr Späße machen. Das ist so in meiner Erinnerung. Sie hat ja auch allen Mist mitgemacht. Und es ist auch auf alles so eingegangen, was man selber reingebracht hat. Also ich glaube, dass Milena in ihrem kurzen Leben ein sehr offenes Mädchen war. Und sie hat sich dieser Situation wirklich mit Bravour gemeistert und vielleicht auch immer mit ihrer Offenheit und hat viele Schwestern und auch Ärzte so ein bisschen, ja, ein bisschen in ihren Bann gezogen. Und es hat ein Arzt zu mir gesagt, als Milena so wirklich im Sterben lag, er hat genau einen Wortlaut gesagt: "Wissen Sie, Frau Vogt, Milena hat es geschafft, dass man sie nicht nur gemocht, sondern geliebt hat." Und das hat ein Arzt gesagt. Und das fand ich irgendwie, also er ist ja nicht ihrer Familie gehörend oder hat ständig mit ihr zu tun gehabt. Aber sie hat irgendwie Eindruck hinterlassen. Und ich glaube, ihre offene Art, das hat ihr dabei sehr geholfen. So viel Witz, wie du gerade gesagt hast, kann ich im Nachhinein an Milena gar nicht so sehen. Sie war ein grundehrlicher Typ. Sie hätte nie in anderen irgendwie veräppelt oder das hat ihre Schwester gern mit ihr gemacht. Das konnte sie gar nicht verstehen, dass man so was tut. Also sie war auch immer so ein ehrliches Kind. Aber mit dem Witz vielleicht, ja, vielleicht hat sie doch auch einfach gerne Spaß gehabt. Und ich glaube, das kann man schon sagen, dass sie gerne Spaß mitgemacht hat. Und in so einer Situation, als du sie kennengelernt hast, hatte sie ihre Riesen-OP in der Chirurgie hinter sich. Und da wieder auf die Füße zu kommen und wieder zu lachen und überhaupt da wieder Freude zu empfinden, ich glaube, das war auch was ganz Riesiges. Und das empfindet man dann auch noch mal doppelt und dreifach, wenn ein Kind dann da steht und anstrahlt und lacht. Also das ist schon, das hat eine große Bedeutung. In meiner letzten Folge habe ich mit Johanna Roth gesprochen. Das passt, glaube ich, jetzt thematisch ganz gut. Die hat dir nämlich eine Frage mitgebracht. Die spiele ich dir gerade mal vor. Also auch mit Hinblick eben auf die ganzen Erinnerungen, die wir ja durchs Familienhörbuch festhalten dürfen, würde mich interessieren, was so eine Erinnerung ist, die auch nach all den Jahren noch ganz, ganz deutlich da ist. Ein Moment oder eine schöne Situation mit ihrer Tochter. Da gibt es natürlich ganz viele Momente und Erinnerungen. Ich glaube, so spontan fällt mir ein, als Milena ihren zehnten Geburtstag hatte. Das war schon in der Therapiezeit. Und sie hat im Mai Geburtstag, da war sie auch in Therapie und von den Werten her nicht gut, dass man hätte können, ein Fest machen mit Freunden und so. Und damals war es so, dass in der Klinik im Spielzimmer ein Ehepaar, ich glaube, es war ein Ehepaar, kamen und hatten da im Spielzimmer versucht, die Kinder ein bisschen aufzumundern und ein bisschen Spaß zu machen. Also sie waren jetzt nicht als Clown da, aber es war irgendwie so ein bisschen, die haben, glaube ich, Musik gemacht mit denen und einfach einen schönen Nachmittag gestaltet. Und die hatten mitbekommen, dass Milena bald Geburtstag feiert, obwohl sie hatte schon, aber dass sie auch bald feiert. Und sind als Überraschungsgäste zu ihr, also zu uns nach Hause gekommen, zu der Party mit den ganzen Kindern und haben Milena so eine wirklich große Überraschung gemacht. Und sie war vollkommen stolz und froh und hat sich da, glaube ich, ein bisschen wie der König gefühlt in dieser, oder wie die Prinzessin natürlich, in dieser Situation, dass man so schwer krank ist und die Kinder trotzdem da sind und mit ihr feiern und sie einfach auch Spaß und Freude erleben wollte und das auch konnte. Das sind wir noch mit dem Fahrrad auf den Spielplatz gefahren, haben noch Würstchen gegrillt und Tassen bemalt. Und es war einfach ein ganz gefüllter, netter Nachmittag. Und das ist, glaube ich, etwas, was mich, ja, das hat mich sehr gefreut. Und das ist eine schöne Erinnerung mit Milena zusammen und mit vielen anderen zusammen, weil die natürlich auch ganz viele Zeiten hatten, wo sie Milena nicht besuchen durften wegen der Infektionsgefahr. Und dass das an diesem geplanten Tag dann alles gepasst hat und sie strahlend war und abends auch ganz glücklich ins Bett gegangen ist und sich dafür bedankt hat, dass der Tag so toll war. Ich glaube, das ist jetzt im Moment, glaube ich, eine ganz, ganz schöne, besondere Erinnerung. Und es war ja generell doch in der Kinderklinik nicht unbedingt möglich, dass Kinder zu Besuch kommen. Also gleichaltrige Erwachsene schon, aber Kinder doch eher nicht. Ja, das war damals wirklich noch so, dass Kinder unter 14 Jahren keinen Zutritt auf die kinderonkologische Station hatten. Genau wie auf Intensivstationen. Das sind ja so, wo die Infektionen einfach gefährlich sind. Alles, was Kinder mitbringen, ob es ein Schnupfen, Husten ist, das kann für diese Patienten, die dort gerade unter Therapie sind, halt wirklich sehr gefährlich werden. Und deswegen das Immunsystem von Kindern halt noch nicht so ausgeprägt ist. Und da war das verboten. Mittlerweile ist es zum Glück anders. Aber damals, als wir dort waren, 1999 bis 2001, war es so gesetzt in der Klinik. Und von daher war es wirklich schwierig. Da ging doch mehr immer über, da hat man noch Briefe geschrieben. Und von der Schule kamen dann öfters mal Briefe und telefoniert. Aber so mit Handy und so, also das war auch noch nicht so ausgeprägt wie heute. Und da hat man dann vom Festnetz aus mit Milena telefoniert. Wir mussten dann dort in der Klinik immer uns Telefon anmelden, damit Milena telefonieren konnte überhaupt. Und das war, ja, es war ein bisschen anders wie heute, aber es gab auch da die Möglichkeit, Kontakte irgendwie zu halten. Und wenn Milena zu Hause war und es ihr gut ging, dass die Werte gut waren, haben wir auch immer Kinder eingeladen. Vor allem ihr bester Freund Sascha, der war immer da und hat auch jeden Tag mit ihr telefoniert. Und da haben wir schon, klar, immer abgefragt: "Hast du auch keinen Schnupfen? Hast du auch keinen Husten?" Da kommt man sich natürlich auch schon blöd vor. Aber es war einfach für sie notwendig. Und da waren die Kontakte wirklich eingeschränkt. Aber wenn es ihr gut ging, dann ist sie auch zur Schule gegangen, wenn das geklappt hat. War nicht oft, aber es ist vorgekommen. Damit, ja, die sozialen Kontakte sind einfach sehr wichtig. Und gerade wenn ein Kind krebskrank ist, da sind die wahrscheinlich lebenswichtig. Jetzt hast du ja schon gesagt, dass ihr ja einen besonderen Tag vor euch habt, den 25. Todestag sozusagen. 25 Jahre ist eine lange Zeit. Was würdest du sagen, wie hat sich deine Trauer verändert in der Zeit? Also ich arbeite ja viel mit verwaisten Eltern. Und wenn sie frisch betroffen sind, ja, gibt es eigentlich gar keinen Blick nach vorne und nicht die Vorstellung, dass es irgendwie möglich ist, damit zu leben. Also wir haben die Todestage von Milena wirklich immer besonders gefeiert. Hört sich jetzt völlig falsch an, aber ein Zusammenkommen mit lieben Menschen ist auch immer eine kleine Feier. Und wir haben den ersten Todestag von ihr damals noch in der Kirche gemacht, weil wir sind katholisch gewesen. Und die Beerdigung war katholisch mit unserem Pfarrer damals. Und wir hatten am ersten Todestag damals so einen Gottesdienst gemacht und durften vorher ihre Musik abspielen. Also das war so etwas, was wir durften. Aber es wurde ihr Name erwähnt, aber das war es dann in dem Gottesdienst. Und dann haben wir festgestellt, das ist nicht das, wie wir mit unserer Tochter irgendwie diesen Tag besonders begehen wollen. Dann den zweiten Todestag haben wir dann im Bestattungsinstitut gemacht, wo Milena auch von denen auch beerdigt wurde, bei dem ich jetzt heute arbeite. Da hatten wir einfach ganz viele Freunde eingeladen und waren dort zusammen. Ein Beisammensein. Das war total schön mit Erinnerung, mit ganz vielen Fotos von Milena. Den fünften Todestag haben wir dann auf dem Jakobsberg gefeiert. Da hatten wir extra Gottesdienst gemacht. Von Milenas Patentante. Der Mann ist Diakon und der hat, Diakon stimmt, glaube ich, gar nicht, Gemeindereferent. Und der hat den Gottesdienst gestaltet mit Gitarre und wir hatten Lieder ausgesucht. Wir hatten ein Liedheftchen gemacht und ganz viele Fotos von ihr wieder mitgebracht und waren danach mit ganz vielen Menschen zusammen. Das haben wir auch am zehnten Todestag gemacht. Da haben wir noch so Himmelslaternen steigen lassen und Grüße in die Luft geschickt. Und es waren ganz viele Menschen da. War richtig schön. Auch Klassenkameraden von damals, aber auch Freunde von uns und auch von der Klinikleute. Es war wirklich besonders. Und ich muss gestehen, danach haben wir so große Tage nicht mehr gefeiert. Aber für uns in der Familie immer jedes Jahr was Besonderes gemacht. Milena gibt so eine Pizzeria bei uns im Ort, wo Milena immer so gern hingegangen ist. Da haben wir die ersten Jahre immer dort die Pizza geholt, die sie so gern gegessen hat. Und machen einfach jetzt auch dieses Jahr wieder etwas, was ihr gefällt. Wir werden zu den Bäumen gehen auf dem Jakobsberg, wo wir Bäume für verstorbene Kinder gepflanzt haben. Und da eine Erinnerungsstätte ist, da werden wir hingehen. Und wir werden spazieren gehen, wir werden den Hund mitnehmen, wir werden abends gut essen gehen und vielleicht morgens noch zusammen frühstücken und einfach uns einen Tag machen, der Erinnerung, aber auch mit schönen Erinnerungen gefüllt sein wird und der uns gut tut. Ich glaube, das ist immer so das Wichtigste, dass man daran denkt, dass man sich selber was Gutes tut. Das stärkt einen dann auch. Ja, und dein beruflicher Werdegang hat sich ja auch noch mal richtig verändert nach dem Tod. Das stimmt. Als Milena, also ich bin eigentlich von Haus aus Erzieherin. Als Milena gestorben ist, hatte ich eine Kinderboutique. Das war so ein ganz langer Traum von mir. War für diese Zeit auch eigentlich das Beste, was ich machen konnte, weil ich konnte immer jemand anders in den Laden stellen. Und ich bin in die Klinik gefahren. Ich habe mich in der Zeit mit meinem Mann total gut abgewechselt. Das hat prima geklappt, dass Milena nicht oder kaum alleine war. Und nach Milenas Tod habe ich wieder als Erzieherin gearbeitet, weil ich mein Geschäft aufgeben musste. Als der Euro kam, war das vorbei. Und dann als Integrationskraft für ein an Krebs erkranktes Kind, das ertaubt war. Und dann habe ich nebenbei ab Milenas Tod eigentlich immer andere Eltern versucht, ein bisschen beizustehen, deren Kind im Sterben lag oder wo klar war, das wird sterben, wo ich dann einfach auch eine intensive Betreuung angeboten habe von mir, so ganz allein, ohne da irgendwo angestellt zu sein. Das war mir einfach ein Bedürfnis. Ich habe sowieso immer den Weg zur Klinik gesucht und war da auch immer mit Milena verbunden dort. Habe dann so Elternkaffees angefangen, Elternstammtische, war ganz oft präsent. Und das hat mich dann dazu geführt, dass ich eine Ausbildung als Trauerbegleitung gemacht habe und eine Ausbildung als Entspannungspädagogin und habe dann für den Elternverein Krebskranker Kinder in Mainz, wurde ich dann auch angestellt, erst mit ein paar Stunden und dann als Halbtagsjob beziehungsweise nachher war es noch mehr Stunden, 30 Stunden, habe ich die Kinder auf Station betreut, aber auch die Eltern und Geschwister von verwaisten Eltern. Das war dann so ein Projekt geworden, was ich neu installiert hatte an der Klinik und auch im Verein und das heute noch gibt, was ich sehr schön finde, dass das weitergemacht wurde. Weil ich nämlich dann, als ich das so sieben Jahre gemacht habe, von dem Bestattungsinstitut, wo wir mit Milena zusammen waren und bestens aufgehoben waren, wurde ich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, als Bestatterin zu arbeiten. Und ich gebe zu, diesen Gedanken hatte ich vorher ganz oft. Ich habe auch immer den Kontakt zu dem Institut in den ganzen Jahren nach Milenas Beerdigung gehalten, habe da immer mal ausgeholfen oder bin einfach mal vorbeigefahren, weil auch die Menschen dort mir einfach wichtig geworden sind und auch dieser Ort wieder einer war, an dem ich mich irgendwie wohlgefühlt habe und mit Milena verbunden. Und dann habe ich lange abgewogen, ob ich den Förderverein wirklich irgendwie verlassen kann, weil ich dort auch angekommen war und es war genau mein Ding. Aber der Gedanke, Bestatterin zu werden, war heimlich in meinem Kopf halt doch mehr da, wie ich es mir vielleicht eingestanden habe. Und dann habe ich zugesagt und jetzt bin ich dort als Bestatterin. Aber ich muss ganz ehrlich sagen, der Elternverein Krebskranker Kinder ist mir nach wie vor wichtig und ich bin da ehrenamtlich tätig und mit meinem liebsten Arbeitskollegen und Chef nach wie vor auch gut verbunden. Und wir hatten uns damals wirklich, glaube ich, ein bisschen unter Tränen verabschiedet, aber mit dem Versprechen, wir gehen regelmäßig essen und das machen wir so ganz regelmäßig, wie wir es uns vorgenommen hatten, nicht. Aber wir machen es im Jahr mehrmals und sehen uns auch durch die ganzen Sitzungen, die wir haben. Das war ein guter Abschnitt und Arbeit ist ja manchmal auch wirklich ein Weg, den man geht. Wenn man da irgendwo ankommt, hat man ja oft einiges vorher erlebt und gemacht. Und jetzt nach der Bestatterin wird es nichts mehr anderes geben. Danach werde ich mich in Rente begeben, glaube ich. Jetzt habe ich genug getan, glaube ich. Das ist vorbei. Schon während der Erkrankung hast du ja schon mitbekommen, dass auch Kinder gestorben sind. Also das kommt ja auch in dem Buch nochmal so raus. Auch im Grunde immer wieder auch in Berührung zu kommen damit, dass Kinder, die ihr auf der Station gemeinsam gesehen habt, irgendwann dann verstorben sind. Ja, das ist auch eine Situation, die, ich erinnere mich ganz, ganz gut, als Milena damals noch gar nicht wusste und wir alle noch nicht wussten, dass sie Krebserkrankungen hat, dass wir da schon Kinder gesehen haben, die keine Haare hatten und wir da schon gemerkt haben, hier in der Uniklinik gibt es nicht nur Blinddarm und leichte Fälle und irgendwelche Infektionen, sondern die an Krebs erkrankten Kindern. Und wir hatten da auch schon welche kennengelernt. Und als Milena dann selbst ein Patient war und die anderen Kinder alle so kennengelernt hat, war das natürlich erstmal ein Schock. Aber sie hat das wirklich gut gemacht. Sie hat sich da mit vielen Kindern wirklich auch angefreundet und sie hat auch mitbekommen, wenn andere Kinder gestorben sind. Man fragt sich natürlich als Eltern, wie gehe ich damit um? Wie offen kann ich damit sein? Kann ich das meinem Kind sagen? Soll ich da lieber nichts drüber reden? Und ich weiß, das erste Mädchen, das gestorben ist, als Milena dort auch stationär war, ist gar nicht an Krebs gestorben, sondern die hatte eine Herzerkrankung. Und das Mädel haben wir immer wieder gesehen mit seiner Mama. Und als sie gestorben ist, gab es für mich nur eins, dass ich das der Milena natürlich sagen muss. Und habe ich auch getan. Und sie hat da damals schon leichter reagiert, wie ich mir das vorgestellt habe. Kinder haben einen anderen Zugang zu dem Tod. Und sie hat gesagt, jetzt geht es der Stefanie bestimmt gut. Das war so ihr Satz. Sie hat auch immer wissen wollen, wer hier schon gestorben ist in der Klinik und hat damals mit einer Praktikantin im Pädagogikstudium eine Liste angefertigt, welche Kinder, die Namen aufgeschrieben, die sie kannte, die gestorben sind. Und das war für sie ganz, ganz wichtig, da auch drüber zu reden. Und ich weiß von einer Krankenschwester, die hat gesagt, dass sie nachts, hat sie mal eine Nacht, wo sie nicht gut schlafen konnte. Und dann war sie bei den Schwestern und hat gesagt, kannst du mir mal zeigen, habt ihr Fotos von den Kindern, die schon gestorben sind hier? Und das hat sie sich dann mit ihr damals nachts angeguckt. Und sie hatte ein schlechtes Gewissen, die Schwester, mir gegenüber, hat es aber mir dann erzählt und hat gesagt, hier, Milena wollte das. Und habe gesagt, das ist absolut in Ordnung. Natürlich fragt man sich, wie sehr belastet man die Kinder damit. Aber ich finde, ehrlich sein ist immer das Wichtigste im Leben. Und das war für Milena wichtig, das ist für mich wichtig nach wie vor. Und sie durfte da auch wirklich dazu befragt werden und ihr alles ehrlich beantwortet werden, was sie an Fragen hatte. Ja, und die Kinder bekommen es ja sowieso mit. Sie spüren das und haben dann keinen Raum zum Sprechen, wenn wir uns verweigern. So ist es. Ganz genau. Im Grunde zeigen die Kinder doch auch ganz gut, wie viel sie reden wollen. Also wenn sie nicht mehr reden wollen, dann reden sie auch nicht mehr. Dann ist auch gut. Und manchmal an Stellen, wo wir denken, jetzt müsste ich aber noch was dazu sagen, und das ist gar nicht nötig, weil es eigentlich schon reicht. Genau. Das ist wirklich so. Da erinnere ich mich gerade an eine Situation. Das hatte mit ihrer Krankheit noch gar nichts zu tun. Da war Milena vielleicht vier und wir waren spazieren. Vielleicht war es auch schon fünf und hatte mich dann auch zu einem schwereren Thema gefragt. Da ging es, glaube ich, sogar um böse Männer, die irgendwelche Kinder irgendwie angesprochen haben. Und da wollte sie auch dazu was wissen. Und ich habe ihr ehrlich Antwort gegeben. Und dann hat sie ganz klar gesagt, Mama, jetzt reicht es. Und dann war das Thema auch erledigt. Also ich glaube, dass Kinder schon für sich sehr gut abschätzen können, wie viel können sie vertragen und ertragen und ab wann ist es gut. Und dann muss man halt da aufmerksam sein und zuhören und das dann auch damit belassen. Und ich glaube, dann macht man alles richtig. Was würdest du aufgrund deiner eigenen Erfahrungen, aber auch aus deiner Erfahrung als Bestatterin dir gesellschaftlich wünschen, so zum Thema Trauer? Es ist ja nach wie vor kein einfaches Thema. Es ist kein einfaches Thema. Ich sehe aber so die letzten Jahre, ich bin jetzt im zwölften Jahr Bestatterin und da habe ich doch noch mal ein anderes Auge auch da mit drauf, wie sehr der Tod doch am Rand steht oder wie sehr er mittlerweile auch ins Leben kommen darf. Also wir haben ja natürlich bei jedem Verstorbenen mit der Familie ein langes Trauergespräch und da erfährt man sehr viel. Und was ich wirklich merke, es wird ein bisschen offener. Also die Menschen werden ein bisschen offener, machen sich viele Gedanken um ihren eigenen Tod. Wir haben wirklich Ordner voll, viele, viele Ordner voll mit Vorsorgen, wo die Leute für sich selbst Vorsorge treffen. Es ist immer noch ein schweres Thema, wenn ein junger Mensch stirbt, wenn jemand plötzlich verstirbt, wenn ein Kind stirbt, da steht die Welt kurz still. Das ist so und das wird auch so bleiben. Und ich finde, das hat auch seine Berechtigung. Das gehört sich einfach nicht, dass Kinder sterben. Und da ist es immer noch viel, viel schwieriger mit allem, ja, und mit der Trauer natürlich auch. Aber ich glaube, dass der Tod schon ein bisschen mehr ins Leben kommen darf mittlerweile. Also es ist auf einem guten Weg und es wird immer besser. Wir haben ja auch verschiedene Veranstaltungen bei uns im Haus und wir laden gerade bei uns im Bestattungsinstitut die Menschen ein. Und wir hatten vor kurzem erst Tag der offenen Tür, das erste Mal, weil wir umgezogen sind. Uns gibt es seit 1998, aber wir sind letztes Jahr im Dezember erst umgezogen in ein neues Gebäude. Und wir waren völlig überwältigt davon, wie viele Menschen zu Besuch waren. Wir hatten schon damit gerechnet, dass so 300 Leute kommen. Aber ich glaube, es waren 500 bis 700 Menschen, die sich ein Bestattungsinstitut angeguckt haben am Tag der offenen Tür, die Vorträge mit angehört haben zu Vorsorgen, zum neuen Bestattungsgesetz, die sich wirklich interessiert haben. Und das Schöne daran war, das waren Menschen allen Altersstufen. Aber das hat uns auch gezeigt, dass der Tod doch ein bisschen mehr ins Leben darf. Sonst würden die Leute sich dafür nicht interessieren. Und das hat mir auch noch mal bewiesen, wir sind auf einem guten Weg. Ja. Jetzt muss man natürlich auch dazu sagen, dass ihr kein ganz, ich wollte schon sagen, normales Bestattungsinstitut seid. Also ihr macht ja schon auch viel möglich und seid sehr an dem Individuellen interessiert. Also es gibt nicht die Schablone, die für alle passt. Das ist richtig. Wir sind schon noch normal, aber wir machen eine Schippe drauf, sagen wir mal so. Also wir sind sehr an den Menschen, an den Angehörigen, an den Bedürfnissen der Menschen, aber auch an den Verstorbenen. Also auch da, das ist uns beides wirklich sehr, sehr, sehr wichtig. Und es gibt bei uns nicht so Schema F, das ist richtig. Aber es gibt auch bei uns Beerdigungen, die so ablaufen wie überall anders, weil es einfach auch für die Familie so in Ordnung ist. Aber wir ermöglichen, glaube ich, und wir öffnen viele Dinge, die man tun kann, was Angehörige oft gar nicht wissen. Ob das jetzt eine besondere Dekoration ist bei der Feier, wenn jemand total gern Fahrrad gefahren ist, dass das Fahrrad da steht und dass einfach die Dekoration sich an dem Verstorbenen orientiert. Und die Musik, die Lieblingsmusik, es ist alles möglich, was gespielt werden darf. Und es gibt so vieles, ob von den Fingerabdrücken über Strähne abfüllen, mittlerweile auch ganz offiziell ein bisschen Asche abfüllen. Und all diese Dinge, die wir auch oft aktiv anbieten und die Leute vielleicht auch ein bisschen dahin bringen, sich Gedanken zu machen, was brauche ich denn wirklich und was könnte mir noch gut tun. Und ich höre oft den Satz, ach, das hätte ich ja gar nicht gedacht, dass es sowas geht. Oder ich hätte mir gar nicht vorstellen können, dass ich sowas will und dass sich das wirklich so entwickelt im Gespräch. Wir nehmen uns viel, viel Zeit, das ist richtig. Machen ganz viel Verabschiedungen von den Menschen, auch Sargbemalung mit Kindern. Und ich meine, das ist jetzt auch nicht so außergewöhnlich, aber ich glaube, wir bieten es ein bisschen aktiver an. Ja, und ich denke auch, dass ein frisch betroffener trauernder Mensch vielleicht auch nicht den eigenen Zugang hat zu dieser kreativen Art oder so und dann gar nicht weiß, was ist überhaupt möglich. Und dann braucht es ja auch diesen Gedankenanstoß. Und dann kann man ja immer noch sagen, ja, passt oder passt nicht. Aber überhaupt das Angebot zu bekommen, ja, das ist hier möglich, ist für den Trauerprozess schon sehr wertvoll. Das stimmt. Und das ist auch ein Gedanke, den ich immer in meinem Kopf habe. Wir legen den Grundstein für die Trauer mit dem ersten Gespräch, mit der Verabschiedung, eventuell mit der Trauerfeier oder Lebensfeier oder Erinnerungsfeier, wie wir es nennen wollen. Und es ist wirklich, also das kann ich ja von meiner eigenen Erfahrung sagen, ich bin wirklich ganz, ganz sicher, ich bin 100 Prozent sicher, dass, wenn ich damals am Tod von Milena nicht das Institut kennengelernt hätte und diesen Abschied gehabt hätte, weil wir haben uns jeden Tag bei Milena verabschiedet mit all unseren Freunden und wir mit ganz viel Kindern und ganz lebendig, dann würde ich heute nicht hier sitzen, hätte kein Buch geschrieben, hätte den Weg als Trauerbegleitung und Bestatterin, also als Bestatterin schon mal ganz hundertprozentig nicht gewählt. Also das ist ganz, ganz wichtig als Grundstock für die Trauer, dass da der Abschied gut ist und die Begleitung gut ist. Ganz, ganz wichtig. Wir sind halt auch die ersten, die dann dran sind. Jetzt muss ja erstmal die Bestattung sein. Und von daher alles andere, jetzt wie auch dein Job als Trauerbegleiterin. Und das sind ja Dinge, die kommen erst später, aber wir setzen so den Grundstein und das ist schon etwas ganz Wichtiges. In meiner nächsten Folge spreche ich ja mit dem Boris Knopf über Advanced Care Planning, Erstellung einer Patientenverfügung. Ich habe im Würdezentrum dazu eine Weiterbildung gemacht und ja, wir wollen uns ein bisschen darüber austauschen. Ein bisschen hast du ja auch damit zu tun, oder? Ist das Erstellen? Ja, also wir machen Bestattungsvorsorgen. Bestattungsvorsorgen. Genau. Andere Vorsorgen nicht, aber ich habe mit diesem Thema, also meine Mama ist 88 und lebt im Seniorenheim und da haben wir natürlich auch das Thema Vorsorge und haben das auch alles schon vor Jahren gemacht. Ich finde es auch ein sehr wichtiges Thema, sowohl die Bestattungsvorsorge wie die Vorsorge, die man macht mit allem, ob es mit der Bank ist, ob es damit zu tun hat, was man sich wünscht, wenn man am Ende seines Lebens steht, ob man lebensverlängernde Maßnahmen möchte oder nicht. Also ich finde das sehr wichtig und ich muss gestehen, ich habe es für mich noch nicht getan. Das ist so etwas, ja, ich weiß auch nicht, der Schuss, der hat die schlechtesten Schuhe, der Bestatter, der vielleicht die schlechteste Vorsorge. Ich weiß es nicht. Vielleicht habe ich da auch zu viel Vertrauen, dass meine Familie das alles richtig entscheidet, weil wir sehr offen mit dem Thema sind. Aber es ist was ganz Wichtiges und ich wusste gar nicht, dass es ein Würdezentrum gibt. Das habe ich noch nie gehört. Das ist schön. Ja. Hast du denn, also erstmal, dann ist die nächste Folge für dich. Und hast du denn eine Frage an den Boris? Meine Frage wäre, wie hundertprozentig diese Patientenverfügung denn auch umgesetzt wird in der Praxis. Weil ich erinnere mich dran, mein Mann hat eine Tante gehabt, die schon lange verstorben ist. Die hatte eine Patientenverfügung gehabt, dass sie keine lebensverlängernde Maßnahmen möchte. Und damals der Arzt, das war also nicht hier in der Nähe, es war weiter weg, hat die Frau in ihrer schweren Phase nochmal gefragt, ob sie das wirklich will und hat gemeint, sie hätte ein leichtes Kopfschütteln gemerkt und hat dem dann widersprochen. Und diese Tante wurde, ich weiß nicht, glaube ich, zwei Jahre am Leben erhalten, ohne dass sie am Leben teilnehmen konnte. Und da habe ich mich gefragt, was hat ihr diese Patientenverfügung jetzt gebracht und auf was wird wirklich geachtet? Also was ist gesetzt? Und das war so eine Wahrnehmung der Ärztin. Das war aber nicht die Wahrnehmung der Familie. Und das fand ich sehr schwierig, diese Situation. Also da hast du gerade auch eine schwierige Situation beschrieben, weil, also ohne vorgreifend zu wollen, weil natürlich eine Patientenverfügung vor allem dann gilt, wenn die Patientin oder der Patient sich nicht mehr äußern kann. Und solange die Person sich noch äußern kann, kann sie auch mit Kopfschütteln im Grunde ihrer eigenen Patientenverfügung widersprechen. Also die ist ja nicht in Stein gemeißelt. Aber dazu wird bestimmt der Boris noch mehr sagen und ich gebe die Frage auf jeden Fall gerne weiter. Ja, das wäre gut. Was ich vielleicht noch sagen möchte, dass ich durch das Buch, das ich mit der Simone Pfundstein-Nachtweil zusammen geschrieben habe, mir selbst wirklich auch nicht nur einen Herzenswunsch erfüllt habe, sondern auch mich der Milena nochmal näher gebracht habe. Ich dachte, das ging gar nicht, aber es ist so. Und ich muss sagen, was mir aufgefallen ist, seitdem das Buch wirklich fest in meinen Händen war, seit diesem Moment, dass ich die Tage wie Weihnachten, Silvester, das ist für mich immer ganz schwierig gewesen, ihr Geburtstag und ihr Todestag, das waren für mich immer vier Tage, die ganz schwierig waren. Ostern war für mich auch, war mir nie wichtig seit Milenas Tod, also wurde es mir unwichtig seit Milenas Tod, weil das war die Osterzeit, wo sie gestorben ist. Und ich habe seitdem nicht mehr osterhaft, osterlich dekoriert und das ist für mich irgendwie gar kein Thema. Aber die anderen vier Tage, die waren für mich immer schwer, wo ich wirklich vorher schon ein paar Tage vorher gedacht habe, oh, hey, wie wird das jetzt und habe so ganz intensiv an sie gedacht, habe die Tage vor mir gesehen, wie es damals war, die drei, vier Tage vor dem Milena gestorben ist. Und an ihrem Geburtstag genauso, schon wieder ein Geburtstag, den sie nicht erlebt. Und das hat sich verändert. Mir geht es an den Tagen besser. Es kann natürlich sein, dass es an der Zeit liegt, weil wir wissen alle, Zeit verändert ja auch vieles. Aber ich glaube, dass es ganz viel damit zu tun hat, weil ich so bewusst mit allem umgehe. Und wir machen ja auch ganz viele, ganz viele, ich glaube, heute ist die siebte, heute Abend, Lesungen, die mir auch wirklich Spaß machen und die mir einfach wohl tun, die mir wirklich wohl tun. Und ich glaube, durch diese ganze Offenheit und das Aussprechen von all dem geht es mir besser. Und das sagt ja am Schluss wieder, Kommunikation ist ein großartiges Thema. Die magische Zahl 111. Wir hatten in unserem Renault eine digitale Anzeige für die aktuelle Geschwindigkeit und Milena liebte es, 111 Kilometer die Stunde auf dem Taro lesen zu können. Ihr Blick war während der Fahrt auf der Autobahn, wenn nicht von außen abgelenkt, meist auf dem Tachometer gerichtet. Mein rechter Fuß, der das Gaspedal bestens bediente, wurde durch ständiges Üben perfekt im Austagieren um die magische Zahl 111. Milenas Freude war hörbar, sie jubelte regelrecht. Überall da, wo die Schilder klar darauf hinwiesen, dass 100 Kilometer die höchstzugelassene Geschwindigkeit ist, fuhren wir beide 111. Natürlich wussten wir, dass es nicht gestattet ist, schneller zu fahren, aber ich kalkulierte gedanklich die Höhe des Knöllchens ein und dachte, dass es bezahlbar ist. Um Milenas Lächeln zu sehen, ging ich dieses Risiko, erwischt zu werden, gerne ein. Wir hatten immer Glück, wir sind keinem Radargerät zum Opfer gefallen. Noch heute liebe ich es, 111 Kilometer die Stunde zu fahren, jedoch in der Regel erst, wenn mindestens 120 Kilometer die zugelassene Höchstgeschwindigkeit ist. Meine Gedanken sind in diesem Moment immer bei Milena und ich sehe ihr Lächeln klar und deutlich vor mir. Du warst es wert, so sehr geliebt zu werden. Du bist es wert, dass so viel Traurigkeit geblieben ist an deiner Stelle. Was kann Schreiben, was Gespräch nicht kann? Es bleibt. Es bleibt. Und auch das Buch ist für mich wie so ein kleines Denkmal für Milena. Das bleibt. Das wird man vielleicht irgendwo in 100 Jahren irgendwo nochmal finden, weil es jemand noch in seinem Regal stehen hat. Und wenn wir das sind, wir ganz gewiss, also bei uns in der Familie irgendwer wird das noch stehen haben, ja auch in 100 Jahren. Und das finde ich so was ganz Besonderes. Ein Gespräch ist toll, aber da bleibt nicht immer alles hängen. Und bei einem Buch kann man doch immer wieder nachgucken. Und das Schreiben, das ist intensiver. Es geht tiefer in einen. Ja, vielen Dank. Also danke für das offene Gespräch und auch, dass du Milena den Raum gibst. Weil das ist es ja auch. In diesem Buch bekommt sie Raum. Ja, absolut. Sie hat in uns ganz viel Raum und er soll auch immer so bleiben. Es ist und bleibt unser Kind. Und ich sage auch immer, wenn ich gefragt werde, wie viele Kinder ich habe, ich habe zwei Kinder geboren und Milena wird bei uns immer mit einbezogen. Also sie ist einfach trotzdem da. Und manchmal, klar, fragt man sich, was würde sie tun, wie würde sie leben, hätte sie uns schon zu Großeltern gemacht oder nicht. Das sind ja alles so Fragen, die ich mir schon mal stelle, aber die nur so leicht anklingen, weil ich einfach die Realität weiß und weiß, dass sie gestorben ist. Und auch da die Bilder im Kopf zu haben, wie sie jetzt, wo sie jetzt irgendwo ist, im Himmel oder wo auch immer, da habe ich so meine eigene Freiheit und meine kreative Freiheit, das zu glauben und zu denken, wie ich es brauche. Und das tue ich auch genauso. Ja, schön. Danke auch an alle, die zugehört haben. Und wenn euch die Folge berührt hat, dann teilt sie doch gerne auf euren Kanälen, die ihr bevorzugt, und kauft das Buch.

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