vom Gehen und Bleiben

Simone Radzuweit

Bewegung in der Palliativmedizin mit Prof. Dr. Mitra Tewes

Lebensqualität bei schwerer Erkrankung

01.10.2026 40 min

Zusammenfassung & Show Notes

Palliativmedizin beginnt nicht erst in den letzten Tagen eines Lebens. Prof. Dr. Mitra Tewes spricht darüber, was moderne Palliativversorgung bedeutet und warum Lebensqualität dabei im Mittelpunkt steht. Wir sprechen über Fatigue bei Krebserkrankungen, Bewegungstherapie und darüber, wie Aktivität auch bei einer unheilbaren Erkrankung Selbstwirksamkeit und Lebensqualität unterstützen kann.


Foto Mitra Tewes: Fotograph André Zelck





Wenn wir Palliativmedizin hören, denken viele an die letzten Tage eines Lebens: an ein Bett, Symptomlinderung und Abschied. Doch moderne Palliativmedizin beginnt viel früher.
In dieser Folge spreche ich mit Prof. Dr. Mitra Tewes, Direktorin der Palliativmedizin an der Universitätsmedizin Essen. Sie forscht unter anderem dazu, wie Bewegung Menschen mit fortgeschrittenen Krebserkrankungen unterstützen kann.
Was bedeutet moderne Palliativmedizin?
Palliativmedizin beschäftigt sich auch mit dem Lebensende – aber eben nicht nur damit. Im Mittelpunkt stehen die Symptome und Bedürfnisse von Menschen mit einer schweren, zum Tode führenden Erkrankung und ihren Familien.
Dabei wird der Mensch aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet: medizinisch, psychologisch, sozial und spirituell.
Wir sprechen darüber, warum eine palliativmedizinische Begleitung bereits während einer onkologischen Behandlung sinnvoll sein kann und weshalb Lebensqualität ein wesentliches Ziel der Versorgung ist.
Fatigue – wenn die Batterie immer wieder leer ist
Ein Schwerpunkt unseres Gesprächs ist Fatigue. Mitra Tewes beschreibt diese besondere Form der Erschöpfung mit dem Bild eines alten Handys: Der Akku ist frisch geladen und trotzdem innerhalb kürzester Zeit wieder fast leer.
Menschen mit Fatigue möchten aktiv sein, doch ihre Kraft reicht dafür häufig nicht aus. Von außen ist diese Erschöpfung oft kaum sichtbar. Das kann zusätzlich belastend sein, wenn das Umfeld mit Sätzen wie „Reiß dich doch mal zusammen“ reagiert.
Warum Bewegung auch in der Palliativmedizin wichtig sein kann
Bewegung muss keinen Sport bedeuten. Für einen schwer erkrankten Menschen kann bereits das Sitzen auf der Bettkante, das Aufstehen von einem Stuhl oder ein kurzer Spaziergang Bewegung sein.
Mitra Tewes erklärt, was die Forschung über Bewegungstherapie bei Fatigue und fortgeschrittenen Krebserkrankungen zeigt und warum Bewegung individuell an den jeweiligen Menschen angepasst werden muss.
Dabei geht es auch um Selbstwirksamkeit: wieder etwas selbst tun zu können, Kraft zu erleben und ein Stück Beweglichkeit zurückzugewinnen.
„Ich weiß, dass ich sterbe. Aber im Moment lebe ich.“
Wie passen die Akzeptanz einer unheilbaren Erkrankung und lebensbejahende Ziele zusammen?
Für die Palliativmedizin ist das kein Widerspruch. Auch mit dem Wissen um das bevorstehende Lebensende können Menschen Pläne haben, Wünsche verfolgen und nach dem suchen, was ihr Leben lebenswert macht.
Lebensqualität ist dabei etwas sehr Persönliches. Für den einen bedeutet sie ein Konzert, für einen anderen Zeit mit der Familie, Musik, Bewegung oder der Kaffee am Morgen.
Weg vom Bild des passiven Sterbenden
Mitra Tewes möchte das verbreitete Bild von Palliativmedizin verändern: den schwerkranken Menschen im Bett, während jemand daneben sitzt und seine Hand hält.
Palliativversorgung kann sehr aktiv sein. Physiotherapie und Bewegungstherapie gehören ebenso dazu wie Medizin, Pflege, Psychologie, Sozialarbeit, Hospizarbeit und weitere Professionen.
In unserem Gespräch geht es unter anderem um:
– moderne Palliativmedizin und Palliativversorgung
– frühzeitige palliative Begleitung
– Lebensqualität bei schwerer Erkrankung
– Fatigue bei Krebs
– Bewegungstherapie bei Krebserkrankungen
– Bewegung bis nahe ans Lebensende
– Selbstwirksamkeit und Aktivität
– Angehörige und Partnerschaft
– multiprofessionelle Palliativversorgung
– Leben und Sterben
Eine Folge über Palliativmedizin, die den Blick auf das Leben richtet – und über die Frage, was einem Menschen Lebensqualität gibt, wenn die Möglichkeiten kleiner werden.

Mehr über mich und „Vom Gehen und Bleiben“
Ich bin Simone Radzuweit, Trauerbegleiterin, Heilpraktikerin für Psychotherapie und Palliative-Care-Fachkraft. In meiner Praxis in Wiesbaden begleite ich Menschen in Trauer, Krisen und Lebensübergängen und biete Gespräche zu Advance Care Planning (ACP) an.

Transkript

"Vom Gehen und Bleiben": der Podcast über Verluste und Menschen, die mit ihnen weiterleben. Ich bin Simone. Wenn wir das Wort Palliativmedizin hören, denken vermutlich viele zuerst an die letzten Tage oder Wochen eines Lebens: an ein Bett, an Symptomlinderung, an Abschied. Professor Dr. Mitra Tewes ist Direktorin der Palliativmedizin an der Universitätsmedizin Essen. Sie forscht unter anderem dazu, wie Bewegung Menschen mit fortgeschrittenen Krebserkrankungen unterstützen kann. Wir sprechen darüber, was moderne Palliativmedizin heute eigentlich bedeutet, und warum Bewegung auch bei einer unheilbaren Erkrankung wichtig sein kann. Herzlich willkommen, Mitra Tewes. Ja, danke für die Einladung, erst mal. Also, das ist ja schon schön, einfach mal, dass die Palliativmedizin auch einen Raum bekommt in einem Podcast. Finde ich sehr gut. Ja, schön. Kannst du dich noch erinnern, wie du zur Palliativmedizin gekommen bist? Ja, sehr gut. Und zwar war ich vor dem Leben in der Palliativmedizin Onkologin, war in einer onkologischen Sprechstunde, habe teilweise Patientinnen und Patienten über mehrere Jahre betreut. Und immer dann, wenn ich als Onkologin keine Chemotherapie oder tumorspezifische Therapie mehr machen konnte, oder wenn es keinen Sinn mehr machte, musste ich sagen: Ja, melden Sie sich bitte beim Hausarzt, ich kann Ihnen nicht weiterhelfen. Und das ist mir sehr schwer gefallen. Also, einen Menschen dann, wenn es so um die Wurst geht, dass man dann sagt: Ich kann Ihnen jetzt hier nicht mehr weiterhelfen. Und das war der Punkt, wo ich beschlossen habe, mich weiterzubilden in der Palliativmedizin. Und während dieser Weiterbildung ist mir aufgefallen, dass die Palliativmedizin eben nicht erst nach der Onkologie dran ist, sondern eben schon während der Behandlung dran ist. Das war als Onkologin für mich damals eine Erkenntnis, dass ich auch gedacht habe: Mensch, das müssen wir hier an der Universitätsmedizin Essen auch etablieren, dass die Menschen die Möglichkeit haben, schon während der onkologischen Behandlung eine palliativmedizinische Begleitung zu bekommen, wenn die Symptomlast schwer ist. Und ich bin damals mit meiner Idee zu meinem damaligen Chef, Professor Schuler, gegangen, der diese Idee absolut supportet hat und genial fand, mir Raum gegeben hat, diese Sprechstunde zu gründen. Und das waren meine ersten Schritte in die Palliativversorgung. Ja, und dann kam eben eins zum anderen, dass ich gesagt habe: Okay, ich möchte jetzt nicht nur hier so eine Sprechstunde etablieren, sondern ich möchte auch die Patientinnen und Patienten gezielt aufnehmen. Ich wollte wissen, welche Belastungen Patientinnen und Patienten in der Onkologie haben. Und wir haben ein sogenanntes Screening gemacht, also eine Bedarfserfassung oder Symptomerfassung, wo Patientinnen und Patienten selbstständig ihre Symptome angeben und auch den Behandlungswunsch zur palliativen Versorgung angeben konnten. Und das wurde halt wissenschaftlich ausgewertet, und so kamen dann Publikationen zustande. Und bei dieser Auswertung haben wir zum Beispiel gesehen, dass viele onkologische Patientinnen und Patienten Fatigue, also diese tumorbedingte Müdigkeit, haben. Und daraufhin habe ich mich natürlich auch damit befasst und überlegt: Ja, was kann man denn machen? Und eine Option ist eben Bewegungstherapie. Und zu dem Zeitpunkt gab es hier am Westdeutschen Tumorzentrum noch keine strukturierte Bewegungstherapie. Und so kam es eben dazu, dass wir gesagt haben, wir brauchen da eine Studie zu, wie auch die Bereitschaft zur Bewegungstherapie ist in diesem speziellen Patientengut. Und so kam es eben auch dazu, dass wir untersucht haben, wie machbar ist eine Bewegungstherapie bei Palliativpatientinnen. Und die Bewegungstherapie kam in erster Linie über das Symptom Fatigue. Genau. Ja, jetzt hat sich ja auch die Palliativversorgung über die Jahre immer weiterentwickelt. Was sind so die größten Veränderungen, oder was ist das, was man so beobachten kann? Weil das, was du gerade beschrieben hast, mit dem "es setzt nicht erst am Lebensende an", höre ich heute noch ganz viel. Also zumindest in der Gesellschaft, aber nicht nur, sondern auch, wenn es darum geht, Patienten, sage ich mal, von der hausärztlichen Versorgung in die Palliativversorgung zu bringen. Auch da ist oft die Frage: Ja, wann ist denn jetzt der richtige Zeitpunkt? Gibt es den überhaupt? Ja, genau. Also, das ist auch etwas, was ich in der onkologischen Sprechstunde ganz häufig gehört habe. Also Palliativversorgung, also Palliativmedizin: Muss ich jetzt sterben? Ist es jetzt so weit? Weil in der Gesellschaft immer noch die Palliativmedizin mit dem Lebensende in Verbindung gebracht wird. Ja, die Palliativmedizin befasst sich auch mit dem Lebensende, aber eben nicht nur. Die Palliativmedizin betrachtet eben die Symptome und Bedarfe der Menschen und deren Familie mit einer chronischen, zum Tode führenden Erkrankung. Und das machen wir halt, indem wir diese Symptome erfassen, sorgfältig einschätzen und dann eben unsere Rückschlüsse auf die Therapie führen. Und die Palliativmedizin betrachtet diese Symptome eben mehrdimensional, also nicht nur medizinisch. Das ist nämlich das Schöne an der Palliativmedizin, dass wir nicht nur medizinisch auf ein Symptom gucken, sondern eben auch psychologisch oder aus dem Sozialbereich und auch spirituell. Das sind so diese vier Komponenten, die wir in der Palliativversorgung betrachten. Und die Palliativmedizin fängt dabei schon von Beginn an. Es gab Anfang 2000, das war 2009, gab es eine große Publikation, die auch immer wieder zitiert wird und viel diskutiert wird, muss man dazu sagen. Aber das ist die berühmte Temel-Studie, die gezeigt hat, dass eben mit einer regelmäßigen Symptomerfassung und einer frühzeitigen Palliativ-Einbindung und Begleitung die Lebensqualität besser wird, die Menschen weniger Depressionen haben. Und in einer nächsten Untersuchung, in einer Sekundäranalyse, hat sie eben auch dieses Überlebensverlängernde festgestellt. Das wird viel diskutiert, möchte ich direkt dazu sagen. Aber was sie geschafft hat, ist, dass sie mit diesem Ergebnis die Palliativmedizin in die onkologische Versorgung, in die Leitlinien der onkologischen Versorgung implementiert hat. Es gab dann auch noch viele andere Studien, die Ähnliches gezeigt haben. Die palliativmedizinische Begleitung verbessert die Lebensqualität, führt zu weniger Notaufnahmen und weniger Chemotherapie am Lebensende. Also, das ist erwiesen. Darüber braucht man eben nicht zu diskutieren. Man kann darüber diskutieren, ob die Palliativmedizin wirklich das Leben verlängert. Ist aber auch gar nicht das Ziel. Wir wollen die Symptome behandeln und eben nicht das Leben verlängern. Das ist zumindest nicht unsere Primäraufgabe, sondern wir wollen eine Symptomverbesserung und Lebensqualitätsverbesserung, egal in welchem Stadium sich die Patientinnen und Patienten befinden. Jetzt gibt es ja manchmal auch schon Ansätze im Notfall zu Hause. Dass es halt die Möglichkeit gibt, palliativ zu behandeln im Notfall, dass es nicht so ist, wenn jemand einen Rettungswagen ruft und eigentlich ist klar, ja, hier soll eigentlich gar nicht mehr, ich sage mal, das volle Programm laufen, ja, dass dann wirklich auch palliativ schon behandelt wird oder das auf den Weg gebracht wird und nicht dann schon bis dahin so viel passiert ist, dass es kaum mehr einen zurückgibt. Aber das sind, glaube ich, noch so vorsichtige Ansätze. Ja, also Palliativmedizin im Notfall, im stationären Setting, wenn jetzt plötzlich starke Schmerzen auftreten, dann gibt es einen Palliativdienst. In Essen arbeiten wir auch mit der Feuerwehr zusammen, die im Bedarfsfall, also wenn klar ist, dass der Patient oder die Patientin zu Hause versterben möchte und eben nicht mehr ins Krankenhaus möchte und das explizit sagt, dass dann eben die Aufnahme in eine spezialisierte ambulante Palliativversorgung erfolgen kann. Dass dann die Teams angerufen werden können und gesagt werden kann: Ja, könnt ihr Patient XY in die SAPV-Versorgung aufnehmen? Dann aufgrund einer Patientenverfügung? Ja. Ich wollte noch mal auf das Thema Fatigue zurückkommen. Was ist der Unterschied zwischen Fatigue und einer Erschöpfung? Oder wie erklärt man Fatigue einem Menschen, der das noch nie erlebt hat? Ich vergleiche das immer ganz gerne mit einem alten Handy, was man ganz frisch aufgeladen hat, wo die Batterie 100 Prozent ist. Wenn man das Handy dann löst und gerade mal fünf Minuten den Navi anmacht und das Handy schon wieder nur noch bei 20 Prozent ist. Und so ähnlich muss man sich das vorstellen. Die Menschen stehen auf, sind bei 100 Prozent, haben Lust, was zu tun und decken dann den Frühstückstisch und könnten sich dann wieder hinlegen und dann geht gar nichts mehr. Das ist so der größte Unterschied zu einer Depression zum Beispiel. Die Depressiven, die haben den Antrieb gar nicht. Und die Personen mit Fatigue wollen, aber die Batterie geht ganz schnell leer und füllt sich auch gar nicht mehr richtig auf, wenn man sich dann hinlegt. Sie brauchen einfach unendlich mehr, länger Schlaf, Erholungszeit. Und das beschreibt so, das finde ich am besten, die Fatigue. Was ja ein großer Einschnitt in die Lebensqualität ist. Absolut. Also im Grunde auch einen sehr hohen Leidensdruck hat. Ja. Da rauszukommen, also das ist wieder so dieser palliative Gedanke. Also Fatigue ist das Symptom und das macht physisch etwas. Diese Müdigkeit, die Muskeln sind zu schlapp, also es gibt keine Bewegung. Aber das macht auch psychisch etwas. Das macht sekundär natürlich depressiv. Und das Sozialwesen leidet darunter, weil die Sozialkontakte weniger werden. Arbeitslosigkeit ist ein ganz großes Thema. Also wir haben viele Anfragen wegen Berufsunfähigkeit, wo gesagt wird: Ja, die Tumorerkrankung ist ja schon wieder geheilt. Warum kann der Mensch nicht arbeiten? Aber Fatigue ist schon sehr einschneidend. Und das Gemeine an Fatigue ist, man sieht es von außen nicht. Wenn man eine Tumorerkrankung hat und vielleicht auch durch die Tumorerkrankung ganz dünn geworden ist und die Muskelmasse geschrumpft ist, dann sieht man das. Aber viele Fatigue-Patienten unterscheiden sich nicht von uns beiden. Und das macht es so schwierig, Fatigue auch zu sehen, zu akzeptieren. Das ist mit auch ein großes Leiden der Menschen, weil viele dann sagen: Ja, reiß dich doch mal zusammen und sei mal positiv. Und die Menschen wollen positiv sein. Sie wollen wieder zurück in die Arbeit, aber können es nicht. Ja, und wenn dann noch das Soziale nicht anerkannt ist und vielleicht man jemanden sieht, bevor er den Tisch gedeckt hat. Und da sieht noch alles ganz normal, vital aus. Ja, und danach geht eben wirklich gar nichts mehr. Ist das ja eine riesige Einschränkung. Absolut. Und das ist auch ein großer therapeutischer Ansatz, also Fatigue beim Namen zu nennen und zu sagen: Sie haben da eine Erkrankung, die ist anerkannt und da gibt es therapeutische Maßnahmen gegen. Und allein das Wissen, okay, ich habe hier eine Erkrankung, die ist anerkannt, da gibt es Informationen zu, es gibt viele Informationsbroschüren zu Fatigue. Und die kann man auch angehen, sowohl psychologisch als auch bewegungstherapeutisch. Und das gibt schon Hoffnung für die Menschen. Was ist denn die Erfahrung mit der Bewegung bei Fatigue? Das ist tatsächlich erwiesen, dass Menschen, die Fatigue haben und dann eine Bewegungstherapie machen, dass die Fatigue dadurch besser wird. Hört sich zuerst mal ziemlich komisch an, wenn man sagt: Okay, aber der Mensch, die Batterie, die geht so schnell leer. Und wie motiviere ich jemanden, der Fatigue hat, sich zu bewegen? Aber ich vergleiche das immer mit jemandem, der joggen gehen möchte. Die wenigsten, die zum Sport gehen, sagen: Juhu, ich möchte Sport machen. Sondern: Oh nee, jetzt schon wieder. Aber alle, die Sport gemacht haben, fühlen sich danach gut. Und mit dem Mindset motiviere ich die Menschen, eben in die Bewegung zu gehen und einfach mal die ersten fünf Minuten zu überwinden. Und allen Menschen geht es nach der Bewegung besser. Und Bewegung ist dann aber individuell für jede Person was anderes? Auf jeden Fall. Also Bewegung ist ja schon, ich hebe gerade meinen Arm, ist auch eine Bewegung. Genau, genau. Und für viele Menschen, gerade mit Krebs oder in der Palliativversorgung, kann Bewegung auch bedeuten: Ich setze mich auf die Bettkante. Also das kann auch Bewegung bedeuten, die Rumpfmuskulatur zu stabilisieren. Das kann sehr anstrengend sein, wenn man die ganze Zeit im Bett liegt. Oder die ersten Schritte oder vom Stuhl aufstehen, kann Bewegungstherapie sein. Bewegung sollte man auch mit dem kombinieren, was man sehr gerne macht. Wenn ich jemanden habe, der im Garten gerne arbeitet, dann motiviere ich ihn, in den Garten zu gehen und das zu tun. Wenn jemand einen Hund hat, mit dem er gern spazieren geht, dann sage ich: Gehen Sie vielleicht erst mal nur zehn Minuten spazieren. Kommen dann wieder zurück und gucken, wie Sie sich fühlen. Und das nächste Mal laufen Sie eine Viertelstunde. Und dass man so langsam wieder in die Bewegung reinkommt. Ich hatte ja in meiner letzten Folge die Stefanie Martins da und die hat eine Frage gestellt, die spiele ich mal gerade vor. Wie schafft man es, einerseits zu lebensbejahenden Methoden zu motivieren und andererseits die Akzeptanz des bevorstehenden Sterbens zu vermitteln? Das ist wirklich eine sehr gute Frage, weil das sind ja zwei Teile. Zum einen hört man da die Ambivalenz. Und in dieser Ambivalenz stecken tatsächlich unsere Patientinnen und Patienten in der Palliativversorgung. Sie wissen, dass sie eine zum Tode führende Erkrankung haben. Sie wissen, dass sie sterben werden. Aber die wenigsten wollen sich die ganze Zeit damit befassen. Und das ist auch das, was ich sage. Wir wissen, dass wir sterben müssen, aber die Palliativversorgung befasst sich mit dem Leben. Wir sind immer auf der Suche nach dem Lebenswerten im Leben, nach den Ressourcen im Leben und überlegen uns ständig, neben natürlich der Symptomverbesserung, woraus schöpft der Mensch Kraft? Und wenn das ein Konzertbesuch ist, jetzt in der SAPV hat das Team organisiert, dass eine Patientin auf ein Konzert noch mal gehen kann, mit dem Wünschewagen zum Beispiel. Und solche Dinge, daraus schöpfen die Menschen Kraft und können besser mit den Symptomen umgehen. Und das ist so diese Ambivalenz, die viele haben und die uns immer wieder in der Palliativversorgung begegnet. Dass Menschen sagen: Ja, ich weiß, dass ich sterbe und ich weiß, dass ich bald sterbe. Und im nächsten Satz sprechen sie über ihre Pläne von nächstem Jahr, wo beide Parteien eigentlich wissen, das nächste Jahr wird nicht erreicht. Aber dahinter steckt so diese Ambivalenz. Ja, ich weiß, dass ich sterbe, aber im Moment lebe ich. Und dieses Leben will ich in allen Zügen genießen. Also der Sterbeprozess findet im Leben statt, im Grunde, und nicht im Tod. Also Tod ist erst dann. Genau. Ja, und bis dahin wird gelebt. Genau. Der Tod ist ein Zeitpunkt und das Sterben ist ein Zeitabschnitt. Wir beide sterben auch, jeden Tag ein bisschen. Aber wann der Zeitpunkt da ist, der Todeszeitpunkt da ist, das wissen wir nicht. Und deshalb ist es auch kein Widerspruch, im Grunde bis zum Ende so gut es geht zu leben. Genau. Und es ist auch kein Widerspruch darin, zu sagen: Ich weiß ja nicht, wann der Todeszeitpunkt ist. Ich möchte eine Vision haben von meinem Leben, vielleicht auch nach diesem Todeszeitpunkt. Und das ist absolut legitim. Ja, und auch ein Stück weit sinngebend. Richtig. Weil das ist ja auch eine Herausforderung, den Sinn im Grunde für sich, den Sinn auch in jedem einzelnen Tag zu sehen. Wie gestalte ich meinen Tag, um das dann auch psychisch zu schaffen? Ja, genau. Klar kann man sagen, das ist Verdrängung. Aber auch das ist ein wichtiges Mittel, schwierige Dinge zu verarbeiten. Ja, manchmal braucht es Verdrängung. Ja. Und das können wir in der Palliativversorgung auch gut zulassen und akzeptieren. Jetzt kam ja schon so ein bisschen raus, Palliativversorgung geht im multiprofessionellen Team. Was heißt das genau, wer ist alles dabei? Also zum einen sind natürlich Pflegende und das ärztliche Team. Die arbeiten sehr, sehr eng zusammen. Und darüber hinaus arbeiten wir auch mit Psycholog*innen zusammen. Und die Sozialarbeit unterstützt uns ebenfalls. Physiotherapie ist ein ganz wichtiger Partner der Palliativversorgung, weil, wie schon gesagt, viele die Bewegung brauchen und Bewegung ein Schritt zurück ins Leben bedeutet. Und wir arbeiten sehr eng mit der Hospizarbeit zusammen, die sowohl ambulant zu den Patient*innen hingeht, als auch eben im stationären Setting sind. Das sind Ernährungstherapie zum Beispiel. Wir haben auch Pflegeexperten, die zum Beispiel für die Wundversorgung oder Angehörige anleiten, wie man kranke Angehörige betreut. So unterstützen wir eben auch die Familien mit. Und ich habe bestimmt noch einige vergessen. Ja, es ist ein großes Feld. Es ist wirklich ein großes Feld. Aber das macht das Arbeiten so sinnstiftend, weil man dann erst den Menschen von allen Seiten betrachtet, erst gänzlich erfasst. Ja, und auch unterschiedliche Kompetenzen zusammenbringen kann. Wenn jetzt ein Symptom sich rausfischt, was weiß ich, Schmerzen zum Beispiel, gibt es ja wirklich ganz verschiedene, also ob das jetzt Medikamente sind oder eben auf der psychischen Ebene. Oder vielleicht ist da noch ein ungelöster Konflikt oder irgendwas. Eben die Bewegung, vielleicht auch die Ernährung. Es gibt ganz viel, was da reinkommt. Absolut. Also gerade der Schmerz ist so das klassische Beispiel des Total Pain, so wird das genannt. Dass es nicht ausreicht, einfach ein Medikament zu geben, sondern man weiß, dass Depressionen zum Beispiel Schmerzen noch mal verstärken und das Schmerzempfinden verstärken. Also muss man immer auch begleitend die Psychotherapie mitdenken. Und man weiß, dass Schmerz zu sozialer Vereinsamung führen kann. Und das heißt also, wir müssen auch in dem Setting das Soziale mitdenken. Man weiß, dass auch eben spirituell Krisen ausgelöst werden können. Warum trifft das mich? Ich habe doch immer so gesund gelebt. Oder Familienvater, wer bin ich jetzt? Ich bin eben nicht mehr die starke Persönlichkeit, die für die Familie sorgt. Rollenbilder ändern sich durch Erkrankungen. Und das alles ist wichtig zu erfassen, bevor wir den Schmerz einfach nur mit einer Morphinspritze behandeln. Ja. Jetzt ist ja schon öfter das Stichwort Lebensqualität gefallen. Was ist Lebensqualität? Kann man das so sagen oder ist Lebensqualität so individuell, dass es eigentlich nur für jede Person selber zu beantworten ist? Genau. Also Lebensqualität ist absolut individuell. Mir lag es auf der Zunge, dich zu fragen: Was ist für dich Lebensqualität? Das kann ich sagen. Also Lebensqualität fängt schon morgens an, ich trinke meinen ersten Kaffee im Bett. Schon seit vielen Jahren. Und das ist eigentlich eine Kleinigkeit, aber ich merke, wenn ich das so handhabe, schon fast ritualisiert, dann starte ich gut in den Tag. Und es gibt bestimmte Dinge, also wenn es zum Beispiel bei mir stressig ist oder so und ich habe nicht genug Zeit für Freundschaften zum Beispiel, für Begegnungen mit Menschen außerhalb meines beruflichen Kontextes, dann merke ich das. Dann geht es mir nicht gut. Oder nicht genug Zeit mit meinem Mann irgendwie. Also es gibt ja immer so Phasen. Und dann merke ich, hier ist eine Korrektur nötig. Genau. Und genau so arbeiten wir. Also dass wir jeden Einzelnen fragen: Was bedeutet Lebensqualität für Sie? Und das gilt es wieder herzustellen. Für den einen ist es der Kaffee am Morgen und der Kontakt zu Freunden. Für die andere Person ist es vielleicht, am Meer zu sein und das Meeresrauschen zu hören. Oder, wie schon gesagt, ein Konzertbesuch, Musik zu hören, Musik zu machen. Auch ganz häufig für Menschen, die im musikalischen Bereich tätig sind und plötzlich Polyneuropathie haben. Oder die singen wollen und plötzlich nicht mehr singen können durch Therapien. Oder eben Menschen, die immer aktiv waren, die plötzlich sich nicht mehr bewegen können. Und da gilt es immer zu gucken, was bedeutet für den Menschen Lebensqualität, der gerade vor mir sitzt. Und das eben wieder herzustellen und Wege zu finden, wie genau das herzustellen ist. Ja, und so ist ja auch schon gefallen, das Stichwort Wünschewagen. Also da gibt es ja wirklich dann auch tolle Möglichkeiten, auch noch mal manche, wahrscheinlich nicht alle, aber sehr viele Wünsche auch noch mal zu erfüllen. Ja. Inwieweit hat die Arbeit im Palliativsetting so das eigene Verhältnis zum Leben verändert? Gibt es da eine Veränderung, also den Blick aufs Leben? Absolut. Also durch die Menschen in der Palliativversorgung sehe ich anders auf mein Leben. Also man lernt, kleine Dinge sehr viel mehr zu schätzen. Und es relativiert sich sehr vieles, worüber wir uns im Alltäglichen aufregen. Es ist absolut legitim, sich aufzuregen. Und jede Belastung ist eine relevante Belastung, definitiv. Aber durch die Menschen, die wir betreuen, sieht man, was wirklich wichtig ist. Man sieht, wer am Lebensende bleibt und wer eben nicht. Also der, ich sage mal, Freundesumfang wird immer kleiner. Und was bleibt, ist ganz häufig die enge Familie. Für mich persönlich, der Wert der Familie ist noch mal gestiegen. Und der Umgang miteinander, der wertschätzende Umgang und das Akzeptieren des Andersseins. Also dass man Menschen in der Persönlichkeit, so wie sie sind, auch stehen lassen kann. Ich selber würde vielleicht nicht so leben, aber ich respektiere die andere Person, wie sie leben und sterben möchte. Ja, welcher Aspekt mir noch wichtig ist, ist ein Gedanke vom Anfang. Dass wir wegkommen von dem Bild des passiven Sterbenden. Genau. Also von dem Bild möchte ich unbedingt wegkommen. Wenn man Palliativmedizin googelt, findet man immer den schwer kranken Menschen im Bett liegend und eine Person hält die Hand und schaut beim Sterben zu. Aber so ist Palliativmedizin 0,0. Und deswegen ist mir auch die Bewegungstherapie so wichtig. Weil Bewegung bedeutet, zurück ins Leben zu kommen. Das schildern die Menschen, die eben in der Bewegungstherapie sind, immer wieder. Wir haben jetzt aktuell eine Studie, die BREATH-Studie, die Dr. Dellazzari mit betreut. Und die behandelt Menschen mit Lungenkrebs, metastasierten Lungenkrebs, mit Bewegungstherapie. Und die Menschen, die eben in der Bewegungstherapie-Gruppe sind, sind so unendlich dankbar, weil sie merken, die Bewegungstherapie bewirkt etwas. In einem Interview, was wir geführt haben, hat ein Vater eben gesagt, das bedeutet für mich, da haben wir wieder die Lebensqualität, bedeutet für mich, mein Kind wieder hochheben zu können. Ja, schön. Und das bewirkt Bewegungstherapie. Und Bewegungstherapie gibt auch den Menschen wieder ein Selbstwertgefühl. Ich habe etwas geschafft, ich bin wieder leistungsfähiger. Auch eine Selbstwirksamkeit. Sie erfahren sich ja wieder in, eben, ich kann was tun, ich kann was machen. Und vielleicht auch dieses äußere Bewegung führt ja oft auch zu innerer Bewegung. Also warum gehen so viele Leute zum Beispiel joggen, um sich vom Arbeitsalltag zu erholen? Und genauso kann das ja auch im Kleineren sein. Wenn ich diese Erfahrung mache, macht das auch innerlich was mit mir. Ja, absolut. Welche Rolle spielen da die Angehörigen? Also machen die dann irgendwie, machen die mit? Oder ist das was, was im Grunde der Patient, die Patientin ganz alleine für sich macht? Oder entsteht da was, was Motivierendes oder vielleicht auch mal in die andere Richtung kippend, vielleicht mit Druck? Oder ist das gar nicht so? Also Herr Dellazzari hat mir einmal berichtet, dass eben auch ein Ehepaar in der Bewegungstherapie ist. Und ich halte das für sehr sinnvoll, wenn der Partner oder die Partnerin unterstützend da mitmacht. Weil auch das motiviert zum einen, aber eben auch kann Balsam für die Partnerschaft sein. Also wir haben ja ganz häufig eine Erkrankung, die den Partner jeweils trennt von dem Patienten. Also der Patient und die Patientin sind in einem System drin. Er macht Chemotherapie, es wird ein CT gemacht, es kommen Arztbesuche. Und der Partner oder die Partnerin, die sind immer außen vor. Sie gucken immer nur von außen und können nur sehen: Geht es meinem Partner, meiner Partnerin gerade gut oder schlecht? Sie können immer nur so interpretieren. Und so, wenn man eben gemeinsam wieder was macht und eine gemeinsame Basis hat, kann das auch einen sehr verbindenden Charakter haben. Ist auch mal eine Idee, zu untersuchen, was eben so eine partnerschaftliche Bewegungstherapie mit den Angehörigen macht. Ja, und könnte ja auch wirklich ein verbindendes Element sein. Wir treffen uns oder wir sind verabredet und machen zusammen Bewegung, Sport oder irgendwie. Und können dann auch gemeinsam was tun. Ja. Was bedeutet denn Bewegung, wenn es dann wirklich zum Lebensende geht? Das ist auch eine sehr spannende Frage, die wir auch untersuchen. Wie lange macht Bewegungstherapie Sinn? Wir wollen natürlich nicht schwerstkranke Menschen aus dem Bett jagen und sagen: "Du musst dich weiter bewegen." Aber wir unterschätzen auf der anderen Seite den Wunsch nach Bewegungstherapie bei Schwerstkranken. Wir haben jetzt Untersuchungen, die sind jetzt noch nicht veröffentlicht, aber erste Ergebnisse zeigen, dass die Bewegungstherapie bis zu drei Monaten vor Lebensende, vor dem Tod noch durchgeführt wird. Oh, okay. Und so lange sind Menschen in der onkologischen Trainingstherapie. Am WTZ haben wir hier, das Westdeutsche Tumorzentrum, haben wir hier ein Institut für Bewegungstherapie. Und die bieten eben für onkologische Patient*innen Bewegungstherapie an. Und da haben wir mal geschaut, wie lange vor dem Versterben haben die Menschen denn noch Bewegungstherapie durchgeführt. Und ich finde, das ist eine Zahl, womit man anfangen kann zu arbeiten. Das gilt natürlich nicht für alle Menschen. Aber das hat mich erstaunt, wie kurz vor dem Versterben noch Bewegungstherapie durchgeführt werden kann. Und das sind Menschen, die sich bewegen wollen, die aktiv hinfahren, um Bewegungstherapie zu machen. In meiner nächsten Folge spreche ich mit Markus Janowski. Er hat seinen Sohn verloren. Der war erst 19 Jahre alt, ganz plötzlich. Und wir werden darüber sprechen, wie er ganz im Speziellen als Mann seine Trauer erlebt hat und wie ihn das verändert hat, wie er das auch gesellschaftlich wahrgenommen hat, wie mit ihm umgegangen wurde. Und du hast die Chance, ihm jetzt eine Frage zu stellen, die ich ihm weitergebe. Ja. Also ich denke, ganz wichtig ist immer zu gucken, wo komme ich her? Und meine Frage wäre: Was hat dir in der Situation geholfen, die Trauer zu regulieren? Ich finde den nächsten Gast extrem wichtig. Und ich hatte das ja auch angesprochen, dass wir auch Väter haben, die krebskrank sind. Und dass das Verhältnis zu den Kindern einfach ein wichtiges ist. Und dieses Mannsbild, damit haben wir es auf der anderen Seite immer zu tun. Also wenn das verloren geht. Aber das eben als Angehöriger zu betrachten, ist auch noch mal schwierig. Also wohin mit der Trauer? Und mich würde interessieren, welches Mannsbild hat der nächste zu interviewende von sich selber? Ich glaube, entscheidend ist ja, was denkt man von sich selber? Also wie gehe ich selber mit der Trauer um? Und wo komme ich her? Also inwieweit hat die Erziehung, so muss ein Mann sein, mit dem jetzigen Sein zu tun? Und damit mit dem Umgang mit der Trauer? Und was hat geholfen, das zu verändern? Ja, danke schön. Ich möchte mich auf jeden Fall bedanken. Ich habe es schon einleitend gesagt. Also jede Frage an die Palliativmedizin, jedes Interview, jeder Podcast über Palliativmedizin hilft, von diesem alten Gedanken wegzukommen. Palliativmedizin ist nur Sterben, sondern Palliativmedizin bedeutet, im Leben bleiben, in guter Lebensqualität. Vielen Dank für deine Offenheit und das Gespräch. Und ich wünsche dir und auch deinem Team alles Gute hier für euer Wirken. Danke schön. Danke auch an alle Zuhörenden. Teilt die Folge gerne und gebt mir Rückmeldungen und Themenwünsche.

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