vom Gehen und Bleiben

Simone Radzuweit

Als Hebamme Sterneneltern begleiten - mit Gila Heusermann

28.05.2026 36 min

Zusammenfassung & Show Notes

In dieser Folge spreche ich mit Gila Heusermann, Hebamme im Kokobelly Geburtshaus in Mainz. Sie teilt ihre Erfahrungen und ihr Fachwissen über die Begleitung von Familien bei Fehlgeburten und stillen Geburten. Sie beleuchtet die medizinischen Definitionen, die oft starren Begrifflichkeiten und die Notwendigkeit einer individuellen, einfühlsamen Unterstützung. Die Episode zeigt, wie wichtig es ist, dass Eltern Zeit und Raum erhalten, um Entscheidungen zu treffen und betont die gesellschaftliche Bedeutung, über dieses oft tabuisierte Thema offener zu sprechen.

Meine Website: https://www.radzuweit.de

Mail: simone@radzuweit.de







Transkript

Vom Gehen und Bleiben, der Podcast über Verluste und Menschen, die mit ihnen weiterleben. Ich bin Simone. Herzlich willkommen, Gila. Du bist Hebamme im Cocobelli Geburtshaus in Mainz. Jetzt ist Hebamme ja eigentlich ein Beruf, den wir eher so mit dem Leben verbinden, und du begleitest eben die Schwangerschaft und die Geburt und das Wochenbett, und du gibst Geburtsvorbereitungskurse und Rückbildungskurse, und das hat ja alles sehr viel mit Leben zu tun. Wann hast du zum ersten Mal erlebt, dass auch Verlust zu deinem Beruf gehören kann? Das war also einmal in der Theorie, in der Ausbildung, aber vor allem in der Praxis. Man ist in der Ausbildung an einer Schule, speziell für Hebammen, und dann auch noch mal im Kreißsaal eingesetzt, und da haben wir eine Gebärende begleitet, und das Kind war in die Gebärende war in der 20. Schwangerschaftswoche und hat ihr Kind still geboren. Mhm. Und still geboren heißt, das Kind war schon verstorben? Genau. Als es auf die Welt kam? Genau, genau. Das Kind war verstorben das ist quasi im Bauch der Mutter verstorben, und wir haben die Gebärende da begleitet, wie sie ihr Baby geboren hat und dann auch Abschied genommen hat. Und genau, das war mein erster Berührungspunkt damit, wobei ich da natürlich als Auszubildende eher im Hintergrund war, dabei war, das Baby mit versorgt habe und ein bisschen mehr im Hintergrund tätig war. Mhm. Das heißt, du wurdest da von erfahrenen Hebammen im Grunde selber begleitet? Richtig, richtig, ja. Und wie bringst du heute diese Extreme, ja, zueinander? Also Tod und Leben? Ich stelle die Familie, also die Eltern, so in den Fokus dann der Arbeit, weil beide, sowohl die Eltern von verstorbenen Kindern als auch von lebenden Kindern, brauchen Begleitung. Und diese Betreuung, diese Begleitung und zu schauen, was braucht die Familie hier in dem Moment, so schaffe ich da diesen, diese Verbindung. Was würdest du sagen, wann beginnt für dich Elternschaft? Eine sehr allgemeine Frage, die nur individuell beantwortet werden kann. Mhm. Denn ich finde, dass das jedes Paar, jede Schwangere selbst entscheiden muss. Mhm. Und die Gesellschaft versucht da immer irgendwie, das in irgendeinen Rahmen zu drücken, aber das ist ja ein ganz, ganz individuelles Gefühl und eine ganz, ganz individuelle Entscheidung. Und manchmal erst im Falle eines Verlustes retrospektiv wird deutlich, dass da schon Elternschaft begonnen hat. Also da spiele ich jetzt hin auf den Verlust in der Frühschwangerschaft. Also da sprechen wir von Fehlgeburt. Das bedeutet das Baby verstirbt bereits zu Beginn der Schwangerschaft, und da ist es ganz in meiner Begleitung ganz individuell. Es gibt Familien, die spüren schon ganz, ganz deutlich dieses Elternsein und dieses "Ich habe ein Baby", wenn das Baby in der neunten Schwangerschaftswoche verstirbt. Und es gibt Eltern, die haben in der Schwangerschaftswoche noch keinen stärkeren Bezug zu dem Baby aufgenommen, und für die ist das dann nicht mit dem Thema Elternsein und dem starken Verlust verbunden. Mhm. Und trotzdem gibt es ja so Einteilungen, ne? So, also es hat wahrscheinlich eher einen medizinischen Hintergrund und Begrifflichkeiten. Kannst du das vielleicht noch mal erklären? Mhm. Da geht es um medizinische Begleitung. Es geht auch um die Einteilung dass man schaut, wie kann eine Betreuung der Geburt stattfinden? Wie sind Regelungen, Mutterschutzregelungen hinterher geregelt und wie ist geregelt, ob das Kind beerdigt wird, offiziell auf einem Friedhof oder nicht? Mhm. Damit hängt das zusammen. Genau. Bis zur zwölften Schwangerschaftswoche sprechen wir von einer frühen Fehlgeburt. Dann zwischen der zwölften bis vierundzwanzigsten Schwangerschaftswoche sprechen wir von einer späten Fehlgeburt, und nach der vierundzwanzigsten Schwangerschaftswoche sprechen wir von einer Totgeburt. Wobei ich da im Wording mit der Familie immer von Sternenkindern spreche und nicht von früher, später oder Totgeburt, weil ich finde, diese Wörter, gerade in der deutschen Sprache, sind die also sind es keine schönen Bezeichnungen. Mhm. Genau. Mhm. Ja. Das hat dann Auswirkungen auf die Geburt, auf die Bestattung, und genau deshalb wird da unterteilt, medizinisch, in diese Schwangerschaftswochen. Jetzt bist du ja in Mainz, also Rheinland-Pfalz, und es ist ja tatsächlich in jedem Bundesland ein bisschen unterschiedlich, wie mit den Bestattungen, ja, umgegangen wird und was für Gesetze es dazu gibt. Meines Wissens, ich bin jetzt in Hessen, meines Wissens ist es in Rheinland-Pfalz so, dass es ein Bestattungsrecht aber gibt für Kinder, die unter 500 Gramm wiegen. Ja, genau. Das ist tatsächlich steht den Eltern frei, da ihr Kind zu bestatten, unabhängig vom, vom Gewicht. Nur wenn das Kind quasi über 500 Gramm wiegt, dann kommt eine Pflicht auf die Eltern zu, und vorher können sie dann selbst entscheiden. Es gibt die Möglichkeit einer, einer Bestattung im Sternengarten. Mhm. Auf dem, auf dem Friedhof, zum Beispiel in Mainz, gibt es mit Sicherheit in anderen Regionen auch. Da ist dann eine gemeinsame Bestattung der Sternenkinder, aber man kann auch selbst ein eigenes Grab sich organisieren. In Mainz ist es im Mai und im Oktober, also zweimal im Jahr findet das statt im Sternengarten und ist dann auch, ja, vom Rahmen ja in Form einer Bestattung mit einem Gottesdienst oder, ja, einer Ansprache. Ja, und die Eltern entscheiden das dann. Genau. Ja. Genau, ob sie das möchten. Wenn die Kinder ganz früh auf die Welt kommen, also vor der zwölften Schwangerschaftswoche, dann können die Familien das Kind auch zu Hause gebären. Mhm. Das ist prinzipiell auch möglich, wenn die Kinder älter sind, aber bis zur zwölften Schwangerschaftswoche ist das auch relativ aus medizinischer Sicht unkompliziert möglich, und da ist es auch nicht unüblich, dass die Eltern dann, wenn sie sich entscheiden, dass sie das Baby sich anschauen wollen und beerdigen wollen, dass sie das prinzipiell dann auch im Wald oder Ähnliches in der, in der tiefen Tiefe der Erde manchmal selbst dann durchführen. Mhm. Also das heißt, es gibt dann Eltern, die gehen dann wirklich nach Hause und machen das ganz alleine? Ja, genau. Prinzipiell ist das so möglich. Häufig findet eine Diagnose von einem fehlenden Herzschlag oder dass das Baby nicht mehr gewachsen ist, in den ersten Wochen beim Gynäkologen, bei der Gynäkologin statt, und dann haben die Eltern die Möglichkeit zu entscheiden, was sie jetzt tun. Sind denn die Eltern in dem Moment überhaupt entscheidungsfähig? Weil erst mal ist das ja ein Riesenschock. Mhm. Im unmittelbaren Moment nicht. Und das ist das, was ich in meiner Begleitung auch den Eltern erst mal vermitteln möchte, dass sie Zeit haben. Das war die letzten, ich kann schon, ja, es war am Anfang von meiner Arbeit noch ganz üblich, dass mit der Feststellung so einer Diagnose, die Familien in die Klinik geschickt wurden, und es wurde eine sogenannte Kürette durchgeführt, das heißt ein operativer Eingriff, wo einmal das Baby und die Frucht und alles, was sich bisher quasi entwickelt hat, operativ entfernt wird vaginal in einer Narkose. Und das ist aber gar nicht mehr unbedingt die erste Wahl, weil es eben ein operativer Eingriff ist. Und da gibt es inzwischen ganz klar drei Möglichkeiten nebeneinander, was ich den Familien dann immer auch erzähle, wenn sie es bis dato noch nicht wissen, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt, damit umzugehen und vor allem aber diese Entscheidung jetzt akut nicht treffen zu müssen, sondern erst mal mit dieser Information, die sie haben, erst mal ein Stück weit zu realisieren, richtig realisieren. Werden sie es auch innerhalb von ein paar Tagen nicht können, aber erst mal ein bisschen mehr in der Situation ankommen, ein bisschen mehr realisieren, ohne ad hoc irgendwelche Entscheidungen und Eingriffe durchzuführen. Wie viel Zeit haben Eltern? Also wie lange können sie sich Zeit lassen, ungefähr? Prinzipiell bedarf das eigentlich, solange es der Schwangeren gut geht, das heißt, dass sie keine Infektionszeichen mitbringt, das heißt, sie fühlt sich also gut im Sinne von körperlich gut geht. Mhm. Das heißt, sie hat kein Fieber sie hat keine Krankheitssymptome, kann sie einfach abwarten. Und das ist quasi auch ein möglicher Weg, das abwartende Verhalten. Das heißt, dass die Schwangere wartet, bis ihr Körper selbst die Geburt in Gang bringt. Mhm. Und das kann manchmal tatsächlich auch vier bis sechs Wochen dauern. Also hätten die Familien theoretisch Zeit, auch tatsächlich so lange zu warten, um das zu realisieren, wobei das die meisten Familien nach schon nach ein paar Tagen entscheiden möchten. Wenn ich eine Information bekomme, dass, wenn das Baby aufgehört hat zu wachsen oder der das Herz nicht mehr schlägt, aber noch keine Blutung eingesetzt hat, so nennt man das quasi verhaltene Fehlgeburt, und die Eltern oder die Schwangere teilt mir das mit, dann versuche ich immer erst mal zeitnah einen Termin mit den Familien auszumachen. Mhm. Möglichst am nächsten Tag oder noch am selben Tag, um ihm zu sagen, dass sie Zeit haben. Denn viele haben Angst. Viele haben Angst, dass sich irgendwie was im Körper entwickelt mit dem Baby und und das ist aber nicht so. Also es gibt natürlich ein Restrisiko einer Infektion das würde dann aber sich auch anbahnen, und dann könnte man auch reagieren, und in der Regel kann man da erst mal zuwarten. Mhm. Und diese Form von Geburt findet dann aber in der Regel ohne Hebamme statt? Man hat die Möglichkeit, als Hebamme dazuzukommen. Mhm. Viele Familien brauchen es aber tatsächlich gar nicht. Mhm. In dem Gespräch, was ich dann direkt am Anfang habe oder noch in weiteren Gesprächen kläre ich die Eltern auf über die Geburt, was passiert bei Geburt, über den zeitlichen Faktor, dass es eben so lange dauern kann, bis dann die Geburt einsetzt, nämlich bei manchen eben bis sie potenziell ihre nächste Periode hätten. Rein vom, vom vom Zyklus her kann das manchmal dauern, bis die Blutung eintritt bei manchen aber auch schon vorher. Und darüber kläre ich dann auf, dass es erst mal Zeit dauern kann. Mhm. Dass jede Geburt individuell ist, wissen wir, und das ist genauso bei den, den Fehlgeburten. Es ist genauso bei den, bei den Sternenkindern. Denn es gibt Geburten, die dauern dann die kündigen sich über, über mehrere Tage durch eine leichte Blutung an. Es gibt Geburten, da kommt relativ schnell eine stärkere Blutung. Das ist ganz individuell, und darüber kläre ich die Familien auf, und dann bin ich natürlich mit ihnen in Kontakt. Wenn sie das wünschen, können sie mich da anrufen ihre Fragen loswerden. Und es gibt auch so alternative Sachen, die man machen kann, wie Massagen Fußbäder verschiedene Tees oder einen Tee, den man nehmen kann, um das ein bisschen zu unterstützen. Und dann kläre ich sie über den Ablauf der Geburt auf und über Verhaltensweisen, wann sie einen Notarzt hinzuziehen müssten oder einen Krankenwagen dazuziehen müssten. Aber in der Regel brauchen sie das tatsächlich nicht. Und dann schaue ich individuell, kann ich es persönlich gerade vom familiären Kontext her stemmen, dass ich nachts für sie rufbereit bin, dass sie mich anrufen können. Und wenn das nicht möglich ist, sage ich ihnen, dass ich erreichbar bin am Abend auch. Das mache ich dann in so Einzelfällen auch gerne, sonst ist es prinzipiell nur tagsüber erreichbar als Hebamme und dass sie dann nachts im Bedarf immer im Kreißsaal anrufen können. Mhm. Ne, da ist dann 24 Stunden jemand erreichbar. Und die Fehlgeburten die ich bisher begleitet habe, die haben mich tatsächlich dann auch gar nicht gebraucht, sondern haben mich dann informiert, wenn das Baby geboren ist. Mhm. Jetzt sind ja aber zu diesem frühen Zeitpunkt nicht unbedingt die Frauen schon angebunden an eine Hebamme, ja? Also jetzt sage ich mal vor der zwölften Woche, und das ist auch das, was Trauernde häufig sagen, dass sie sich eher alleine gefühlt haben, weil sie halt im Grunde gesagt bekommen haben: "Ja, so ist es jetzt." Und dann war irgendwie keiner für sie da. Mhm. Das ist leider ein ganz großes Problem, dass es erst mal die Unwissenheit überhaupt, ein Recht darauf zu haben, Hebammenbegleitung zu haben. Mhm. Und dann im nächsten Schritt vielleicht noch gar keine Hebamme zu haben, weil sie sich noch vorher an keine Hebamme gewandt haben. Deshalb freuen wir uns immer, wenn sich die Frauen frühzeitig sowieso unabhängig von Fehlgeburt melden eine Hebamme suchen, also gerne mit mehr oder weniger, ja, eigentlich mit positivem Schwangerschafts-Test darf man sich da gerne auf die Suche machen. Mhm. Und ansonsten kann ich nur von unserer Praxis berichten, dass wir im Geburtshaus Cocobelli Geburtshaus Mainz da auch versuchen, Familien, die bisher noch nicht in Hebammenbegleitung sind und mit so einer Thematik kommen, dass wir die immer noch versuchen zu begleiten. Mhm. Da kann ich natürlich nicht für alle Hebammen sprechen, aber es ist hilfreich da noch mal sich zu trauen und eine Anfrage zu stellen im eigenen Umkreis oder wenn es eine Hebammenzentrale gibt, also eine Vermittlungsstelle für Hebammen. Mhm. Oder eine Notfallversorgung für Hebammenhilfe oder Akutversorgung für Hebammenhilfe. Ich weiß zum Beispiel, dass es in Wiesbaden die Servicestelle gibt, in Mainz gibt es die Hebammenzentrale, dass man da dann hinschreibt oder anruft und die dann kurzfristig in der Vermittlung unterstützen, dass man da auch nicht irgendwie fünf, sechs, keine Ahnung, Hebammen anrufen muss, weil das in so einer Situation möchte man das auch einfach nicht, sondern dass man da eine Nachricht lossenden kann und die sich dann da helfen. Wenn die Frau eine Fehlgeburt hat, dann geht sie nach Hause oder ist schon zu Hause und ist da aber ohne Kind, aber mit einem Körper, der gerade, ja, geboren hat. Was bedeutet das für die Frauen? Aus körperlicher Sicht ist es ein Wochenbett wie mit einem Baby zu Hause auch. Und das, die körperlichen Veränderungen hängen von der Schwangerschaftswoche ab, in der das Baby geboren worden ist, also in den frühen Wochen. Wir sprechen prinzipiell immer von, es gibt immer eine Art Wochenfluss, also es gibt immer eine Blutung aus der Gebärmutter, und umso weiter die Schwangerschaftswoche war, umso größer ist die Plazenta, also der Mutterkuchen, und entsprechend ist die Blutung. Die Gebärmutter ist gewachsen, die muss wieder sich zurückbilden, und der Körper ist hormonell bedingt Veränderungen unterlegen, und auch die müssen wieder zurückkommen in den Modus nicht schwanger sein. Mhm. Und das kostet Zeit und Kraft, und den müssen sich die Frauen und Personen eingestehen, und das ist manchmal gar nicht so einfach, weil da ist ja kein Baby, um das man sich kümmern kann, mit dem man sich ins Bett kuscheln kann. Und auch die Frauen benötigen und Personen benötigen aber auch eine Bettruhe und ein Runterkommen und dem Körper Zeit lassen. Es ist jetzt so, dass es auch einen Mutterschutz gibt. Das war eine ganze Zeit lang nicht so. Das war tatsächlich erst bei einer Totgeburt. Also da ist wieder die 24. Schwangerschaftswoche, spielt da wieder eine Rolle. Das ist jetzt nicht so. Also es gibt einen sogenannten gestaffelten Mutterschutz bei Fehlgeburt. Das heißt, man muss sich da auch nicht mehr krankschreiben lassen. Das, was uns immer üblich ist, dass ich dann den Familien, den Frauen empfohlen habe, sich krankschreiben zu lassen, erst mal für die erste Zeit nach der Geburt, und das muss man jetzt zum Glück nicht mehr, sondern man hat auch hier eine Mutterschutzfrist. Da stehen die Familien immer so in dem Zwiespalt, ob sie es dem Arbeitgeber schon gesagt haben oder nicht. Mhm. Weil ansonsten ist natürlich eine Mutterschutzfrist die läuft dann prinzipiell über die Krankenkasse, aber der Arbeitgeber bekommt es ja dann doch mit. Das ist natürlich ein Hindernis für die Familien, das dann so doch zu erzählen. Ja. Ja, das Körperliche ist das eine, das Psychische ist das andere. Und ich könnte mir vorstellen, besonders bei frühen Fehlgeburten, dass Hebammen die einzigen Personen sind, auch erst mal, die das überhaupt mitkriegen. Weil gesellschaftlich, finde ich, ist es immer noch ein schwieriges Thema, also nicht unbedingt ein offenes. Ja. Darüber wird wenig gesprochen. Ja. Hast du eine Erklärung dafür? Ursprünglich kam das daher, dass man vor der zwölften Schwangerschaftswoche gar nicht von der Schwangerschaft berichtet hat, weil eben die Wahrscheinlichkeit, dass eine Fehlgeburt eintritt, noch mal erhöht ist. Und das begründet sich, denke ich, daher, dass man der Schwangerschaft in den frühen Wochen gar nicht so die Wertigkeit gegeben hat. Mhm. Vielleicht auch gar nicht so im Fokus war von den Familien vielleicht eher früher auch ein bisschen nebenher gelaufen ist. Und heute ist das natürlich noch mal der Blick auf die Schwangerschaft und auch sich bewusst für eine Schwangerschaft oder gegen eine Schwangerschaft zu entscheiden im Zuge der Verhütung, dass man da tatsächlich deshalb auch eine Fehlgeburt okay war. Und das hat sich aber anders entwickelt, weil es inzwischen dann eher als Tabuthema gehandelt worden ist. Also ich glaube, früher war es quasi normal, und es hat man nicht drüber gesprochen. Dann hat sich es zu einem Tabuthema entwickelt, und damit haben wir heute jetzt so ein bisschen zu kämpfen mit den Auswirkungen, dass Schwangerschaft was Besonderes ist und Schwangerschaft also für viele etwas Besonderes ist und was Schönes ist, und man sich darauf viele auch sich darüber freuen und gleichzeitig aber das Thema in dem Zuge auch so nah am Tod ist und Tod ja für uns allgemein in der Gesellschaft noch immer noch ein sehr schwieriges Thema ist. Mhm. Der Umgang damit und da dann drüber zu reden, fällt den Menschen schwer. Außerdem ist es, glaube ich, so, dass manche sich auch dann durchaus noch gar nicht trauen, es nach außen hin zu tragen, weil sie sich weil die Wahrscheinlichkeit höher ist, dass was passiert. Und ich gleichzeitig aber auch immer sage zu den Familien: "Ihr dürft es dann erzählen, wenn ihr das gerne erzählen möchtet. Wenn ihr das Gefühl habt, das aus eurem Kosmos gerne raustragen zu wollen, aus eurem Kosmos der Partnerschaft, dürft ihr erzählen, dass die Person ein Kind erwartet." Und das sind dann auch die Menschen, denen ihr das auch erzählen dürft, dass ihr euer Baby verloren habt. Mhm. Denn es ist, jede zweite bis dritte Frau hat eine Fehlgeburt, und das passiert ganz vielen. Und dadurch, dass immer noch so wenig drüber gesprochen wird fühlen sich die Familien da oder die Frauen da auch einfach sehr alleine. Mhm. Und wenn man dann feststellt, wie viele das doch im Umkreis vielleicht schon betroffen hat, ist man dann vielleicht doch nicht mehr ganz so alleine. Hat es auch vielleicht damit zu tun, mit der Diskussion: "Wann beginnt Leben?" Auf jeden Fall. Also für mich persönlich beginnt klar das Leben mit der Befruchtung der Eizelle. Mhm. Das muss aber tatsächlich jede Person für sich selbst entscheiden. Und wenn das für die Person so richtig ist, dann darf das auch das Leben beginnen und das vor allem auch in den ersten zwölf Wochen. Mhm. Und da beginnt dann, um noch mal unseren Bogen zu schließen zur Elternschaft, und da beginnt dann auch die Elternschaft. Sobald man den ursprünglichen Zellhaufen, so beginnt der ja quasi als kleiner Zellhaufen, als Lebewesen sieht, beginnt Elternschaft. Mhm. Jetzt hatte ich ja in der letzten Folge den Uli Munk da, und wir haben viel über Väter und Vätertrauer gesprochen, und er hat dir eine Frage mitgebracht. Mhm. Ich gucke natürlich aus Sicht der Väter jetzt auf den Verlust von Kindern in der Schwangerschaft. Und was mich interessiert, ist: Wie steht denn die Gesellschaft mittlerweile Vätern gegenüber, die ein Kind in der Schwangerschaft verloren haben? Also verändert sich die Einstellung in der Gesellschaft zu Vätern, oder wird das abgetan, oder will man ihnen den Schmerz wegdiskutieren oder nicht zugestehen? Also das ist eine Frage, die mich interessiert. Wie geht die Gesellschaft mit Vätern um, die ein Kind in der Schwangerschaft verlieren? Interessante Frage. Muss ich kurz drüber nachdenken. Also es ist so, dass, wenn ich jetzt die Väter selbst betrachte in der Beratung, in den Terminen, die ich dann habe, nehmen sie das schon sehr ernst, was mir zeigt, dass sie da schon eine klare Rolle für sich einnehmen. Und ich würde von dieser Sicht aus eher auf die Gesellschaft schließen. Also es ist eine schwierige Frage, die ich gar nicht so vollends, glaube ich, beantworten kann, was gleichzeitig impliziert, dass die Gesellschaft darüber noch viel zu wenig redet und diesen Vätern auch viel zu wenig oder auch Co-Müttern viel zu wenig Raum gibt. Das bedeutet für mich, wenn ich da jetzt drauf schaue, kann ich da zwei Blickwinkel haben. Ich kann einmal quasi, ich sehe schon bei den Partner:innen, die nehmen ihre Rolle sehr ernst und finden da ihren Platz und trauern ebenfalls, sofern sie die Trauer überhaupt zulassen und nicht nur stark sein wollen für die Partnerin. Mhm. Wenn ich jetzt gleichzeitig aber die Angebote angucke, ist es doch immer noch primär die Schwangere, die betrachtet wird. Es gibt dann schon auch Elterncafés, wo beide Parteien angesprochen werden. Aber da ist auf jeden Fall noch ganz, ganz viel Luft nach oben. Auch dass die sich überhaupt angesprochen fühlen, ist ja manchmal ja auch bei einem "Ich werde Vater von einem lebenden Kind" auch sich da vollends in seiner Rolle klar zu sein und gleichberechtigt zu sein. Das ist ja manchmal schon ein Schritt. Und wenn das Kind dann, wenn man dann einen Verlust erlebt, würde ich sagen, es ist noch viel, viel zu wenig. Auch was mir jetzt Frauen beschreiben aus den Rückbildungskursen, wenn es darum geht, zurück in die Arbeit zu gehen: Die Partner gehen immer viel, viel schneller wieder arbeiten, und die nehmen ganz wenig Gruppen in Anspruch oder Angebote in Anspruch und gehen schnell wieder arbeiten, gehen schnell wieder ihrem Alltag nach. Und den Frauen wird schon kaum zugesichert, also nach die ersten Wochen wird ihnen auf jeden Fall, sie haben Verlust erlebt, aber nach ein paar Wochen bis Monaten, je nachdem, wie alt das Kind war, geht es in Vergessenheit. Und ich würde aus diesen Beschreibungen, die mir jetzt die Frauen gegeben haben, sagen, dass das Partner:innen tatsächlich noch viel, viel weniger zugeschrieben wird. Ja. Und in meiner Bubble ist das ganz klar. Ich betrachte immer beide. Mir ist es auch wichtig, dass auch der Partner mit dabei ist, wobei auch das nicht selbstverständlich ist bei einer frühen Fehlgeburt, dass, wenn ich zum Beratungstermin komme, dass der Partner da ist. Mhm. Aber dass ich da auch immer sagen muss: "Du darfst dich auch krankschreiben, du darfst auch trauern", zeigt mir schon, ich habe den Blick da drauf, aber die Gesellschaft würde ich sagen: "Auf keinen Fall." Nee. Mhm. Das hängt, glaube ich, auch noch mal davon ab: War es ein langer, sehr langer Kinderwunsch, oder ist das Thema noch recht neu? Vielleicht war auch das Kind geplant. Wie sind die ersten Schwangerschaftswochen verlaufen? Ich glaube, da ist auch noch mal natürlich eine ganz, eine ganz große Frage. Genau. Ja. Ja, in den Begleitungen merke ich das auch. Ich biete es immer an und frage auch danach, ob der Vater auch eine Begleitung haben möchte oder auch mal einfach zu einem Gespräch mitkommen möchte. Und das wird sehr unterschiedlich angenommen. Ja. Wenn es nicht klar ist, dass der Partner, die Partnerin dabei ist, weil ich das aus dem Gespräch raushöre, spreche ich das gezielt an, dass ich mir wünschen würde, dass die Person mit dazukommt, weil ich eben hier beide sehe. Mhm. Und beiden erzählen möchte: Die Gebärende braucht den Partner, die Partnerin, und da die Elternschaft auch zu sehen und da auch die Verantwortung auch zu übernehmen und nicht zu sagen: "Ja, das machst du jetzt alleine", sondern: "Nein, das ist eine Entscheidung, die wir gemeinsam treffen müssen, weil wir müssen sie gemeinsam tragen." Also wenn eben auch gerade, wenn es darum geht, wie für welche Form des Verhaltens, also für was entscheide ich mich? Möchte ich die Operation, möchte ich abwarten? Und dann auch: Wie können wir die Geburt und wie können wir die Zeit danach gestalten? Mhm. Wie möchten wir unser Kind bestatten? Möchten wir unserem Kind beim Standesamt den Namen eintragen? Das ist zum Beispiel auch unabhängig von der Schwangerschaftswoche möglich, dass man es beim Standesamt einträgt. Mhm. Jetzt haben wir ja schon öfter gesagt, dass die Frauen sich oft alleine fühlen. Und in meiner Arbeit zum Beispiel gibt es ja Trauergruppen. Und du machst ja auch was, also zum Beispiel so was wie Rückbildungskurs für Frauen. Kannst du dafür was sagen? Mhm. Gerne. Wie lange ist das denn jetzt schon her? Ich glaube, fast zwei Jahre. Es ging von einer Frau aus, die wir begleitet haben bei uns, die sich noch mal speziell Rückbildung für Sternenmütter gewünscht hat. Und wir haben bisher immer nach Frankfurt verwiesen. Und dann haben wir entschieden: "Nee, das kann so nicht weitergehen. Das muss jetzt bei uns, muss es jetzt auch mal das Angebot geben." Und seitdem gibt es das jetzt bei uns. Wir machen einen Rückbildungskurs für Sternenmütter unabhängig vom Alter des verstorbenen Kindes, also von früher Fehlgeburt bis einem Kind, das vielleicht relativ zeitnah nach der Geburt verstorben ist. Und das machen wir jetzt ein bis zweimal im Jahr. Da gucken wir immer, dass sich da genug Frauen anmelden, und dann planen wir den Termin. Die Gruppengrößen sind so ab vier Frauen, bis den wir im Herbst hatten. Es waren tatsächlich dann neun Frauen da. Häufig sind das tatsächlich eher so zwischen vier und sechs, wo wir dann den Frauen die Möglichkeit geben, sich auszutauschen. Und wir bieten dann doch die Möglichkeit von Rückbildungsübungen, leiten Rückbildungsübungen an, um die Verarbeitung im Körper der körperlichen Veränderungen zu unterstützen. Da ist es immer so ein bisschen schwierig als Hebamme, eine gute Balance zu finden zwischen dem Austausch und der Bewegung. Also ich habe jetzt in meinen Kursen gemerkt, dass wir das auf jeden Fall beides brauchen. Dieser Zugang über die Rückbildung ist für manche einfacher, als sich dann tatsächlich gezielt an eine Trauergruppe zu wenden. Aber ich habe jetzt auch schon festgestellt, dass sich aus diesen Rückbildungskursen, dass die sich weitertreffen oder auch sich austauschen über eben Anlaufstellen und dann sagen: "Ja, du kannst auch dahin gehen", und dann trauen sie sich dann doch vielleicht eher noch mal dahin zu gehen oder erzählen: "Mein Partner hat sich da total aufgehoben gefühlt", und dann vielleicht auch der Partner sich traut, da mal hinzugehen, weil auch die immer erzählen, dass der Partner da ein bisschen zu kurz kommt. Mhm. Und gibt es was, wo du sagen würdest, ich weiß nicht, ein Ritual oder irgendwas, was Frauen für sich tun können in dem Moment, was du ihnen an die Hand geben kannst? Bei einer Fehlgeburt? Mhm. Es gibt kein festes Ritual. Ich vermittle den Frauen immer, dass sie mal, ich frage die Frauen, was sie denn tun, wenn sie sich was Gutes tun wollen, unabhängig von der Situation, und lege ihnen das dann ans Herz und gleichzeitig sich aber auch Raum zur Trauer zu geben. Und da hängt es immer so ein bisschen darauf an, ob die Geburt schon stattgefunden hat oder nicht, dass ich ihnen eben zum Beispiel anbiete: "Wir haben ein Tagebuch quasi für Sterneneltern bei uns im Geburtshaus und unter Verschluss, also nicht zur freien Verfügung, sondern gezielt eben für andere Sterneneltern. Und da können sie zum Beispiel, wenn sie möchten, reinschreiben und können aber auch lesen, wie andere Geburten vielleicht stattgefunden haben." Das ist eine Möglichkeit. Dann sage ich gerne, dass sie sich doch einen Ort, wenn sie das möchten, vielleicht einen Ort suchen können, wo sie eine Erinnerungskiste von der Schwangerschaft vielleicht verbuddeln oder den Ort nutzen und dort eine Kerze aufstellen, wenn sie einen Ort suchen, um zu trauern, wenn sie gerne irgendwo hingehen möchten, ähnlich wie man es jetzt von einem Friedhof kennt, wobei sich da nicht immer alle zugehörig fühlen, sondern dann vielleicht eher einen Ort in der Natur da zu suchen. Und das ist was, was ich den Eltern, den Paaren so mitgebe. Mhm. Eine wichtige Sache: Wir haben jetzt ja vor allem von den frühen Verlusten in der Schwangerschaft gesprochen. Da erzähle ich den Familien ja immer, dass man sein Baby zu Hause gebären kann. Mhm. Und ich möchte da wirklich die Angst auch nehmen, dass sich darauf einzulassen und sich darüber mal zu überlegen, ob das nicht was sein könnte. Und man kann auch zu jedem Zeitpunkt sich umentscheiden und sagen: "Ich möchte nicht mehr warten. Ich möchte vielleicht doch die Operation." Und dass man da selbstwirksam wird, dass man diese Entscheidung trifft und dass die nicht von außen getroffen wird, das kann sehr hilfreich sein in der Trauerverarbeitung. Und dann aber auch, wenn das Kind älter ist, bereits spät, in der späteren Schwangerschaft, da die Angst zu nehmen vor der Geburt. Wenn die Babys im Bauch versterben, werden die Kinder spontan zur Welt gebracht. Das heißt, dass die Frau ihr Kind selbst gebärt auf natürlichem Wege. Und da möchte ich gerne noch die Angst nehmen, dass diese Geburten heilsam sein können für die Paare, weil man so nah an seinem Kind ist und dann auch das Kind selbst gebärt und hinterher sich verabschieden kann und dass ein Gefühl ist: "Da war was da und ich habe es selbst geboren." Und das ist unabhängig dann von der Schwangerschaftswoche, dass das unglaublich heilsam ist für die Familien. Und die Angst zu nehmen, hinterher sein Kind anzuschauen, das muss man nicht alleine machen. Darf man alleine machen, wenn man das möchte. Das darf man aber auch in Begleitung machen von der Hebamme, von anderen Fachpersonen. Denn die Kinder sind wunderbar, egal in welcher Schwangerschaftswoche sie geboren werden. Und es ist das eigene Kind. Und da möchte ich gerne die Angst ein bisschen nehmen, sich mit dem Gedanken zu befassen und da dann auch mit Unterstützung so eine Geburt zu machen. Das ist einfach ganz, ganz heilsam für die eigene Trauer. Mhm. Ja, und es macht einen Unterschied, ob es dieses Kind gegeben hat oder eben nicht, ob es diese Schwangerschaft gegeben hat oder nicht. Ja. Ich habe mir überlegt, dass ich in der nächsten Folge noch mal mit Andreas spreche, also meinem Mann. Hast du eine Frage an Andreas? Ich würde gerne von Andreas wissen, wie sich seine Haltung zum Thema Tod verändert hat, seitdem er an deiner Seite ist und du dich mit diesem Thema beruflich beschäftigst. Mhm. Ja, vielen Dank für das Gespräch, Gila. Und danke auch an alle, die zugehört haben. Und ich freue mich über eure Anregungen und Fragen. Leitet den Podcast gerne weiter an Menschen, die es brauchen können.

Feedback geben

Dir gefällt der Podcast und Du möchtest das mal loswerden? Du hast Tipps oder Wünsche für neue Themen? Dann schreib mir doch eine Nachricht. Vielen Dank für Dein Feedback

Mit einem Klick auf "Nachricht absenden" erklärst Du Dich damit einverstanden, dass wir Deine Daten zum Zwecke der Beantwortung Deiner Anfrage verarbeiten dürfen. Die Verarbeitung und der Versand Deiner Anfrage an uns erfolgt über den Server unseres Podcast-Hosters LetsCast.fm. Eine Weitergabe an Dritte findet nicht statt. Hier kannst Du die Datenschutzerklärung & Widerrufshinweise einsehen.

★★★★★

Gefällt Dir die Show?
Bewerte sie jetzt auf Apple Podcasts